Fussball Ausland

Beitrag » 27. Dez 2016, 20:13


WASSER-SÄCKLI, WACHTEL-EIER UND WODKA-ZITRONE

Kurz nach unserem Reisestart vermeldete ein Freund von uns, dass am 4. November in Yangon ein Fussball-Länderspiel angesetzt wurde. Sofort konsultierten wir die Agenda: Freitag, 4.11., das könnte in unseren Reiseplan passen. Und es passte. Myanmar gegen Indonesien, internationaler Freundschaftsmatch. Ein Fussballklassiker sondergleichen. Und ein Gaumenschmaus für jeden Liebhaber des filigran-akrobatischen Tschuttisports. Oder so was Ähnliches.

Nach gut zweieinhalb Wochen waren wir also wieder zurück in jener Stadt, in welcher das bislang so wunderbare Abenteuer Myanmar seinen Anfang nahm: In Yangon. Direkt eingetroffen aus dem ruhigen, kühl-erfrischenden Kalaw mussten wir uns zunächst wieder an die laute, hitzig-stickige Stadtluft gewöhnen. Viel Zeit dazu blieb nicht – bereits beim Bezug unseres Hotelzimmers wurden wir in breitem Berndeutsch begrüsst: „Tschou zäme“. Vodka Lemon, ein altbekanntbefreundeter Anhänger des Berner Sportclubs tauchte am Türrahmen auf. Hinter ihm folgte derjenige, welcher uns auf das Fussball-Länderspiel aufmerksam gemacht hatte: Thunder, ein Kollega aus Luzern. Die beiden nächtigten im Zimmer vis-a-vis – und hatten uns bereits bei der Ankunft gehört. Schön wieder einmal ein paar bekannte Gesichter zu sehen!

Das Duo bereist aktuell für ca. zwei Monate gemeinsam Südostasien. Für Vodka Lemon, welcher bereits seit fast einem Jahr mit dem Rucksack auf Weltreise bummelt, sind es die letzten Wochen seines grossen Trips. Selbsterklärend gab es also beim einen oder anderen „Myanmar“-Bierchen viele mehr oder weniger glamouröse Geschichten zu erzählen.

Tags drauf dann, war er gekommen: Der grosse Spieltag. Vor dem Match traf sich die illustre Runde um Thunder, Vodka Lemon, 57 und A. (letztere mit doch etwas aussergewöhnlichem Rufnamen, befand das Quartett) zum Warm-Up im vegetarischen Restaurant vis-a-vis des Hotels. Fried Tofu, vegane „Fleischbällchen“ und tellerweise Bananenschnitze, welche vom Küchenchef-Junior pausenlos nachgereicht wurden. Ein klassisches Pre-Fussball-Apero halt.

Mit Händen und Füssen guideten wir unseren Taxifahrer anschliessend zum ca. 40 Minuten entferneten Nationalstadion, deckten uns vor der Arena mit Fan-Ware ein (der in Schweizer Fussballstadien populär gewordene Schalumdenkopf-Trend scheint sich auch in Asien auszubreiten) und begaben uns – ausgerüstet und gewappnet – ins Innere des – von überdimensionalen „International Friendly Match“-Plakaten überzogenen – Thuwanna-Stadium.

Dabei querten wir Eingangskontrollen, welche viele myanmarischen Flughäfen alt aussehen lassen hätte (Wasserflaschen waren beispielsweise verboten). Im Stadion herrschte freie Tribünen- und Sitzwahl. Entsprechend konnten wir also auf der überdachten Haupttribüne Platz nehmen, obschon Vodka Lemon bei seinen „Main Stand“-Ticketkauf-Bemühungen am Billettschalter zuvor – trotz enthusiastischem Einsatz – auf wenig (sprachliches) Verständnis gestossen war.

Nun gut, das mit dem Platz-nehmen war dann doch nicht so simpel wie gedacht. Sitze hatte es zwar genügend (schlussendlich waren ca. 10‘000 der 30‘000 besetzt), doch saubere Sitze bzw. nicht komplett von Taubenkacke bedeckte, gab es effektiv nur bedingt viele. Nach etwas längerer Suche fanden wir dann doch noch ein paar Schalen, welche sich mit ein paar gekonnten Nastüechli-Wischern besitzbar machen liessen.

Das Spiel – auf dem etwas sandigen Rasen – konnte beginnen. Staubtrocken war mit fortschreitender Matchdauern allerdings nicht bloss der Rasen, sondern auch unsere Kehlen. In Sachen Gastronomie vermochte das ansonsten ausgesprochen sympathisch-halbverlotterte Thuwanna-Stadium von Yangon keine Ausrufezeichen zu setzen. Wir mussten einsehen: Nicht jedes Fussballstadion in Asien ist ein Thai-Army-Stadium. „Immerhin“: Fliegende Getränkehändler verkauften auf den Tribünen überteuertes Wasser im Plastiksäckli – lauwarm, dafür inklusive Strohhalm. In solchen Situationen lernt man den Bier-Boy von zuhause erst richtig schätzen. Selbst die grauenhafte, elektrisch erwärmte Migros-Bratwurst im Stadionersatzbau auf der Allmend hätte zudem Gourmetpunkte verdient im Vergleich zum Food-Angebot derselben Tribünenläufern: Wachteleier.

Ähnlich berauschend wie das kulinarische Angebot war auch die Fussballkost auf dem Spielfeld. Die beiden Mannschaften waren übersäht mit Wadenbeissern und Holzhackern. Zauberfüsse dagegen, waren ausgesprochen rar. Entsprechend gestaltete sich das Spiel in etwa im Gegenteil zu einem offenen Schlagabtausch. Alibipässe und Galeriedribblings gehörten über weite Strecken zu den absoluten Highlights. Und wenn dann n Verteidiger vor dem eigenen Tor den Ball – ohne Not – freundlicherweise dem gegnerischen Stürmer zuspielte, so offenbarte sich mal um mal, dass weder Myanmar noch Indonesien mit kaltblütigen Knipsern ausgestattet waren. Die Qualität der Partie pendelte sich auf heroischem Grümpelturinierniveau ein. Der einheimische Torwart unternahm nicht nur einen spektakulär-grobfahrlässigen Ausflug, die Freistösse landeten auch beim 5. Versuch immer noch in der Mauer und sobald eines der beiden Teams auch nur annähernd in die Nähe des gegnerischen Strafraumes vorzustossen drohte, setzte bei der jeweiligen Anhängerschaft ein wahrhaftiges Hysteriegekreische ein. Das Publikum fieberte also enthusiastisch mit – und wir ebenfalls.

Unser Quartett raufte sich nicht nur einmal die Haare, als das Heimteam vor dem Tor eine weitere gute Möglichkeit ziemlich stümperhaft versemmelte. Fast so wie zuhause eben. Sowohl FCL- wie auch YB-Anhänger können hierbei ja das ein oder andere Liedchen schreiben.

Zuletzt half weder die ominöse-sagenumworbene 57. Minute, welche von Seiten des einen Blogbetreibenden als „Wendepunkt“ des Spiels ins Feld geführt wurde, noch anschliessend die sogenannte YB- aka Myanmar-Viertelstunde, welche unser Berner Exponent als heils- bzw. torbringend ankündigte: Ein Tor wollte und wollte einfach nicht fallen. Selbst die 6 Zusatzminuten, die zu Spielende noch extra draufgeschlagen wurden, änderten daran nichts mehr. Endresultat: 0:0. Null zu Null.

Auch wenn das Spiel kein besonders sportliches und kulinaarisches Highlight war, so war der Besuch des Thuwanna-Stadions doch ein tolles und ereignisreiches Erlebnis.

Wir trauen Myanmar an den bevorstehenden Südostasien-Meisterschaften (Ab dem 19. November 2016; Myanmar als Gastgeber der Gruppe B spielt zuhause im Thuwanna-Stadium zunächst gegen Vietnam, Kambodscha und Malaysia) das Unglaubliche zu: Ein Tor. Allerdings wohl eher erst im zweiten Gruppenspiel gegen „Qualifikant“ Kambodscha.

Auf alle Fälle drücken wir fest die Daumen. My-an-mar!

Und wir wünschen Thunder und Vodka Lemon weiterhin eine genehme Reise. Vielleicht läuft man sich ja in Kambodscha wieder über den Weg. Wir würden uns freuen!

4. November 2016, Myanmar - Indonesia 0:0
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«Stellen sie sich vor, ein Pyro mit 2000 Grad trifft ein Kind und das Kind stirbt. Was sagen Sie dann?»
«Gewaltanwendungen gab es zwar keine, es hätte aber auch anders kommen können!»

Romano Simioni, Allmend-Buch, 2009 hat geschrieben:Das KKL ist kein Ort, der für uns Luzerner und Innerschweizer
gemacht wurde, sondern ein Ort, der in erster Linie dazu da ist,
dem Prestige der Stadt gut zu tun. Ich befürchte, dass das neue
Stadion eher ein KKL des modernen Fusballs wird und nicht eine
lebendige Volksbühne, wie es die so sympathisch unperfekte
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  • Beitrag » 30. Dez 2016, 01:26


    Fresh, trotz Nationalmannschaftsfussball! :thumbleft:

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  • Beitrag » 24. Feb 2017, 13:18


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  • Beitrag » 14. Mär 2017, 14:51


    Tagi hat geschrieben:Der Gegenentwurf zu RB Leipzig

    Union Berlin ist ein Club für Fussball-Romantiker – und ein heisser Anwärter auf den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Die Geschichte eines kleinen Wunders.

    http://www.tagesanzeiger.ch/sport/fussb ... y/13655890
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    Romano Simioni, Allmend-Buch, 2009 hat geschrieben:Das KKL ist kein Ort, der für uns Luzerner und Innerschweizer
    gemacht wurde, sondern ein Ort, der in erster Linie dazu da ist,
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  • Beitrag » 15. Mär 2017, 22:49


    jossen hat geschrieben:Lucerne hatte immer recht! Asche über mein Haupt

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  • Beitrag » 16. Mär 2017, 11:14


    lucerne hat geschrieben:http://m.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/fc-st-pauli-funktionaere-das-ganze-sportsystem-ist-krank-14926198.html

    bitte text ins forum kopieren, ohne faz-login kann man den artikel nicht lesen.

    greez
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    «Gewaltanwendungen gab es zwar keine, es hätte aber auch anders kommen können!»

    Romano Simioni, Allmend-Buch, 2009 hat geschrieben:Das KKL ist kein Ort, der für uns Luzerner und Innerschweizer
    gemacht wurde, sondern ein Ort, der in erster Linie dazu da ist,
    dem Prestige der Stadt gut zu tun. Ich befürchte, dass das neue
    Stadion eher ein KKL des modernen Fusballs wird und nicht eine
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  • Beitrag » 16. Mär 2017, 17:51


    Wir haben das Jahr 2030: 48 Mannschaften bei der WM in China. Wird es den FC St. Pauli dann noch geben?


    Rettig: Der Verein wird dann sogar einen besonderen Stellenwert haben. Wir merken, dass es eine Sehnsucht bei vielen Fans gibt, die mit dem Einheitsbrei, mit dieser Gleichmacherei, diesem Stromlinienförmigen nichts anfangen können. Die Tendenz gibt es auch bei Werbetreibenden und Unternehmen. Ich bin sicher, dass der Wert unseres Vereins sich steigern wird, weil es dieses Unangepasste, Rebellische ist, was den Verein und die Marke FC St. Pauli ausmacht und was aus der Fanszene entstanden ist. Das ist großartig.

    Lienen: Der FC St. Pauli wird immer eine große Ausstrahlung haben. Wir haben Fans, die kommen von überall her in unser Stadion. Nicht nur aus ganz Deutschland, sie kommen aus Österreich, aus der Schweiz, aus Dänemark, aus Finnland, aus Schweden, viele kommen aus England. Die sehnen sich nach Fußball pur, ehrlicher Fußball mit Inhalten – nicht abgezockt. Bei manchen Klubs kannst du nicht mehr im Stadion zugucken, wenn du kein Vereinsmitglied bist. Da stehen 100 000 Leute auf der Warteliste wie in Barcelona. Auch bei Arsenal ist es schwer. Wenn du das Spiel doch sehen kannst, dann ist ein Normalsterblicher so viel Geld los, dass das nicht mehr feierlich ist – und wehe, du willst auch noch mit deinen Kindern hingehen. Zu uns kommen Leute, für die es billiger ist, sich in London in eine Maschine zu setzen, rüber zu fliegen, hier eine Eintrittskarte zu kaufen, als sich Premier League in ihrer Heimatstadt anzuschauen. Diese Entwicklung finde ich ungesund. Der FC St. Pauli wird immer eine wichtige, gute Rolle spielen, weil es einfach das Bedürfnis von vielen Menschen gibt, so einen Verein zu sehen – und zu unterstützen.


    Rettig: Es ist eben nicht nur das Spiel. Was vor dem Stadion los ist! Das fängt mit der Musik an. Wie die Leute miteinander umgehen, was das für ein Flair ist. Da spürt man: Das ist etwas anderes.

    Lienen: Es geht nicht nur um Fußball, es ist auch eine Lebensphilosophie. Es ist ein Leben im Verein, ein Leben um den Verein herum. Ein Beispiel: Zuletzt hatten wir einen Holocaust-Gedenktag. Mir sind zwei Leute aus Südamerika über den Weg gelaufen, ein Argentinier, der seit 20 Jahren in Polen lebt und arbeitet. Der andere ist aus Uruguay angeflogen, die kannten sich übers Internet, beide St. Pauli-Anhänger. Die waren komplett überrascht, dass die Mannschaft bei dem Gedenktag war, der Cheftrainer, der Sportdirektor, alle. Ich habe lange mit ihnen geredet, danach sind wir zusammen zu der Veranstaltung gegangen, die vom Fanladen organisiert wurde. Das ist in vielen Ländern selten. Mittlerweile kenne ich ein, zwei Vereine in jedem Land, die ähnlich aufgestellt sind, vielleicht nicht in dieser Konsequenz. Ich spüre dieses große Bedürfnis.

    Welche Entwicklungen des Fußballs machen ihnen denn die größten Sorgen?

    Rettig: 1963, im Gründungsjahr der Bundesliga, hatten wir 16 eingetragene Vereine. Heute gibt es noch vier oder fünf Vereine, alle anderen sind Klubs mit ausgegliederten Kapitalgesellschaften. Der originäre Sinn und Zweck, der hinter einem Verein steckte, wurde einkassiert. Wenn es so weitergeht, dann fällt in Deutschland auch die 50+1-Regel. Ich kann aber nicht in den Chor derer einstimmen, die sagen: Die Regel muss fallen, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Wir sind mit dieser 50+1-Regel in Deutschland Weltmeister geworden. Wir haben deutlich mehr Uefa-Ranking-Punkte geholt in den vergangenen Jahren als die Premier League, die mehr als eine Milliarde Euro mehr einsetzt und keinen Klub mit einem Klubkoeffizienten unter den ersten zehn besitzt. Wir haben Nachwuchs-Leistungszentren aufgebaut, eine tolle Trainerausbildung. Wir haben eine andere Fußballkultur. Wir haben also ....

    Lienen: ... in die Infrastruktur investiert. Während in England 70, 80 Prozent des Gesamtetats in die Gehälter fließen. Das ist bei uns wesentlich weniger.

    Rettig: Wenn 50+1 fällt, geht das Wettrennen nach dem reichsten Oligarchen los. Dann haben wir keine Bundesliga-Tabelle, sondern die Forbes-Tabelle.

    Muss ein politischer, ein eher linker Verein immer automatisch kapitalismuskritisch und investorenkritisch sein?

    Lienen: Investorenkritisch? Wir wollen auf höchstem Niveau Fußball spielen, wollen auch gute ökonomische Deals an Land ziehen. Aber nicht, wenn die Ausrichtung eines Klubs unterminiert wird. Wenn ich nach England schaue, da sitzt gefühlt alle fünf Wochen ein anderer Investor auf der Tribüne, dem der Klub gehört. Der kann machen, was er will. Leute entlassen, die Richtung des Klubs vorgeben. Und wenn ihm die Farbe nicht gefällt ...

    Rettig: ... dann kann er auch noch das Logo und das Wappen ändern.

    Lienen: Das Logo. Das Wappen. Die Tradition. Die Ausrichtung. Alles. Wenn er keine Lust mehr hat, verkauft er den Klub an einen anderen. Wer will sich dauerhaft mit so einem Klub identifizieren?

    Bisher ist die globale Entwicklung doch so: Den Fußball, auch wenn er womöglich eine andere Form und Emotionalität annimmt, wollen immer mehr sehen.

    Rettig: Das mag sein. Die Zahlen gehen ja in diese Richtung. Aber die Emotionalisierung und die Verbundenheit nehmen eine degressive Entwicklung. Weil der Fan immer mehr die Leidenschaft zu seinem Klub verliert.

    Globalisierung kostet Emotionalisierung?

    Lienen: Nicht nur das. Wir könnten auch den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Die Industrie interessiert sich für Fußball. Warum? Weil sich die ganze Menschheit dafür interessiert, noch. Ob Abramowitsch bei Chelsea eine Milliarde ausgibt oder nicht, interessiert den nicht mehr. Aber die meisten Klubs leben noch vom Sponsoring, von Werbung, von vielen Deals, die man mit Unternehmen macht. Und das Interesse von Unternehmen hängt eindeutig vom Interesse der Menschen am Verein ab. Wenn sich die Menschen nicht mehr für den Verein interessieren, nicht mehr ins Stadion kommen und nicht mehr millionenfach im Fernsehen hingucken – warum noch in Werbung investieren? Das ist kein Gefühl, das ist Logik.

    Rettig: Die degressive Emotionalisierung ist die größte Gefahr. Und der andere Punkt: Was wir bei großen Dingen, die das Leben bedeutsam und auch lebenswert machen, schon verloren haben, droht auch dem Fußball. In der Politik – da haben wir Politikverdrossenheit. Und die Kirchen – die sind leer. In der Politik hat Martin Schulz so hohe Sympathiewerte, weil er verständlich spricht und die Leute erreicht. Aber auch, weil er eine gewisse Glaubwürdigkeit hat. Und in der Kirche? Zum Glück haben wir jetzt einen Papst wie Franziskus. Das hängt aber nur noch am Einzelnen. Auch der Fußball, der Sport insgesamt, hat ein großes Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsproblem. Die Entwicklung, wenn ich auf Fifa, Uefa und IOC schaue, gepaart mit dieser schleichenden degressiven Emotionalisierungskurve, bereitet einem Kummer.

    Wenn 50+1 fällt – wird St. Pauli sein Schicksal einmal in die Hand eines Mehrheitseigners legen?

    Rettig: Niemals. Wir sind mit dem Prinzip, als mitgliedergeführter Verein Lasten auf viele Schultern zu verteilen, gut gefahren. Aber wir akzeptieren, wenn das anderswo auch anders gesehen wird. Warum sollten wir uns einem Investor ausliefern, wenn wir Tausende haben können und haben? Ich glaube, dass wir eine viel größere Kraft entwickeln auf vielen Schultern. Und wenn die Anhängerschaft wächst, haben wir noch mehr Schultern.

    Sie glauben von der Globalisierung in der Nische zu profitieren?

    Rettig: Hundertprozentig. Filet schmeckt auch nicht jeden Tag.

    Herr Lienen, Sie sind seit den 70er Jahren im Fußballgeschäft. Wie haben sich denn die Spieler durch Kommerzialisierung und Globalisierung verändert?

    Lienen: Es ist ja nicht jeder Profi Millionär. Da gibt es in der Bundesliga riesengroße Unterschiede, von der zweiten Liga ganz zu schweigen, auch wenn wir uns im Vergleich zu anderen Berufszweigen auf einem hohen Niveau bewegen. Aber ich sehe nicht, dass allen Profis die Taschen überlaufen. Es ist klar, dass Leute, die dann viel zu verlieren haben, sich auch mal vorsichtiger ausdrücken, Sponsoren nicht verärgern wollen und eigene Werbeverträge beachten. Aber man hat niemanden verboten, Stellung zu beziehen.

    Alles so schön unpolitisch im Fußball, das kann Ihnen doch nicht gefallen?

    Lienen: Das stimmt. Aber das gilt vor allem für die Verbände. Mit welchem Recht will der DFB oder die DFL einem Klub untersagen, sich politisch zu äußern? Mit welchem Recht kann jemand sagen: Hier im Stadion dürfen bestimmte Plakate nicht aufgehängt werden? Es ist offensichtlich, dass dies nur aus Eigenschutz geschieht, um die wirtschaftliche Ausbeutung nicht zu gefährden. Nur deswegen will der Fußball unpolitisch sein. Aber er hat eine riesengroße Verantwortung. Wir fragen uns doch: Wer interessiert sich überhaupt noch für Politik? Wer ist bereit, diese Demokratie zu verteidigen? Wie viele Jugendliche gehen noch auf die Straße? In welche Richtung geht die Gesellschaft? Und dann sagen die Verbände, wenn sich jemand politisch und demokratisch vernünftig äußern will – das wollen wir nicht!

    Rettig: Man muss fairerweise sagen, dass der DFB, nachdem er vor ein paar Jahren hier den Schriftzug „Kein Fußball den Faschisten“ abgehängt hatte, sich entschuldigt hat. Und zuletzt waren sie wieder hier und konnten sich mit dem Schriftzug auch identifizieren. Und unser Fanladen, der aus der Fanschaft entstanden ist, hat vom DFB den Julius-Hirsch-Preis bekommen. Das hat uns schon sehr gefreut. Für die Aktion „Kein Fußball den Faschisten“ wurde bewusst das Spiel gegen den auch von uns heftig kritisierten Klub aus Leipzig ausgewählt. Unser Präsident Oke Göttlich und Oliver Mintzlaff, der Vorstandsvorsitzende von RB Leipzig, haben eine gemeinsame Erklärung vorgelesen. Denn wir haben gesagt: Wir stehen uns zwar diametral gegenüber in der Frage, wie man einen Verein führt, aber in dieser politischen Frage gegen die Rechten beziehen wir gemeinsam Position.

    Lienen: Der DFB ist eine hochpolitische Organisation. Und er investiert unglaublich viel Energie und Geld in soziale Projekte, überall auf der Welt. Das ist gut. Aber der Profifußball als das hervorstechendste Produkt soll dann politisch steril sein? Das geht doch nicht.

    Rettig: Die Verbände postulieren ständig, politisch neutral zu sein. Aber der Fußball, der DFB und die DFL sind politisch. Wir haben einen DFB-Präsidenten (Reinhard Grindel, Anm. d. Red.), der bis vor kurzem CDU-Bundestagsabgeordneter war. Also augenzwinkernd aus unserer Sicht einer mit dem falschen Parteibuch. Und der Liga-Präsident Reinhard Rauball, mit dem „richtigen Parteibuch“ ausgestattet, hat als SPD-Politiker eine politische Karriere hinter sich. Beide Verbände werden geführt von Politikern, aber die Verbände sollen unpolitisch sein?

    Was heißt das für den FC St. Pauli?

    Rettig: Es ist gut, dass wir uns dazu bekennen, ein politischer Verein zu sein. In den letzten Wochen und Monaten sieht man, wie viele politische Themen auch den Sport angehen: Der Umgang in der Kosovo-Frage, der auch den Fußball betrifft. Die Trennung von Darmstadt 98 und Stürmer Ben-Hatira wegen dessen Unterstützung einer Gruppe, die Salafisten nahe stehen soll. Die Anklage von Deniz Naki in der Türkei wegen angeblicher Propaganda für die PKK. Fußball ist offensichtlich mehr als Entertainment – und deswegen äußern wir uns auch zu politischen Themen, vielleicht nicht immer mit der richtigen Tonalität, wie zuletzt beim Thema Bombardierung Dresdens und politische Vereinnahmung (Das Fanspruchband lautete: „Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt – gegen den kitschigen Opfermythos“, Anm. d. Red.). Aber es war richtig, das Thema Opfermythos an diesem Tage ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn es ist wichtig, dass man sich auch mit solchen Themen beschäftigt.

    DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat beim Neujahrsempfang gesagt, dass es vielleicht gar nicht schlecht sei, wenn in turbulenten Zeiten die Bundesliga eine Veranstaltung sei, wo man hingehen kann und von diesen ganzen Dingen nicht behelligt würde.

    Rettig: Das möchte ich nicht kommentieren.

    Lienen: Völlig inakzeptabel. Es geht doch nur darum, dieses Produkt klinisch reinzuhalten, damit man nicht irgendein Sponsorentum gefährdet. Die Verbände sind nicht nur hochpolitische Organisationen, der deutsche Fußball hat auch eine große politische Verantwortung für das eigene Land. Diese Verantwortung müssen DFB und DFL erkennen und sehen: Gesellschaftspolitisch läuft was in die falsche Richtung. Überall laufen in westlichen Ländern die Rechtspopulisten rum, und wir sind gerade im Begriff, die einfachen Leute auf der Straße zu verlieren. Es gibt Wutbürger, die ich gerne irgendwohin schicken würde, wo sie wirklich Grund hätten, Wut zu haben. Das sind Leute, die null Komma null Vorstellung davon haben, was es bedeutet, etwa in Rumänien zu leben. Oder in einem Kriegsgebiet. Denen geht es hier im Vergleich zu 80 Prozent der Menschheit gut – trotzdem sind sie auf der Straße und bereit, unsere Demokratie zu opfern.

    Was schlagen Sie vor?

    Lienen: Ich sage seit Jahrzehnten, dass wir viel zu wenig in den Breitensport, in den Schulsport, in den Gesundheitssport und insbesondere in die Jugendbildung durch Sport investieren. Sport ist die größte Möglichkeit, Jugendliche zu erziehen, ihnen nahezukommen, überhaupt Einfluss auf sie zu haben. Durch das Sporttreiben können wir ihnen wichtige Werte wie gegenseitige Achtung und Respekt vermitteln. Und mithilfe der außersportlichen Jugendbildungsarbeit wie Seminare, internationale Jugendbegegnungen und Arbeitsgruppen haben wir die Chance, die demokratische Erziehung voranzutreiben. Im Grunde hat das Internet die Weltherrschaft übernommen – und wir verlieren Zugang und Einfluss. Wir haben als Gesellschaft verloren, wenn wir nicht gegensteuern. Wir müssen Sportvereine finanziell so ausstatten, dass sie Jugendliche auch da behalten können und Vereine insbesondere diesem erzieherischen Anspruch gerecht werden können. Aber der erzieherische Gedanke im Sport wird von der überwiegenden Mehrheit der Politiker komplett unterschätzt. Sie stehen der gesellschaftlichen Entwicklung ahnungslos und hilflos gegenüber. Wir geben das Heft des Handelns aus der Hand – seit vielen Jahren.

    Welche Forderungen haben Sie an DFB und DFL in diesen Fragen?

    Lienen: Es ist meine persönliche Meinung, ich bin nicht der Außenminister des FC St. Pauli. Aber wir sind ein demokratischer Verein. Was ich hier sehe, das kommt dem, wie ich mir Vereinsleben vorstelle, sehr nahe. Wir sind Teil der Stadtkultur und unterstützen die Menschen, die hier leben und arbeiten. Das müssen die Verbände auf ihrer Ebene auch tun.

    Rettig: Nehmen wir die Flüchtlingsaktivitäten, die hier aus dem Stadtteil heraus entstanden sind. Hier wurde im täglichen Leben geholfen – abseits der medialen Berichterstattung. Aber wir haben uns auch mit der Springer-Presse auseinandergesetzt, weil wir uns ihrer Flüchtlingsaktion mit der DFL verweigert haben. Da waren seinerzeit einige über Nacht vom Brandstifter zum Brandlöscher mutiert – und die wollten uns erklären, was Solidarität bedeutet. Im kalten Januar vor einem Jahr haben unsere Helfer Leute stattdessen 25 Matratzen gekauft, sind mit Bullis zum Bahnhof gefahren, haben die Gestrandeten, die nicht nach Skandinavien rüber kamen, ins Stadion gebracht in das Matratzenlager. Einer von uns war jede Nacht da, wir haben die Kühlschränke vollgemacht, sie konnten in der Mannschaftskabine duschen. Das erzähle ich jetzt, über ein Jahr später. Das hatte die Springer-Presse damals spitzgekriegt und gesagt: ,Super Sache, Herr Rettig, da machen wir ein Foto‘. Und ich sagte: ,Genau das machen wir nicht.‘ Die, die es angeht, die wissen, was bei uns läuft.

    Sind die Fifa und die Uefa die Lösung oder Teil des Problems?

    Lienen: Lobende Worte über die aktuelle Fifa und Uefa zu finden, ist schwer.

    Rettig: Nach der Entscheidung für 48 WM-Teilnehmer sind jetzt 67 Verbände enttäuscht, denn Herr Infantino hat ja 115 Stimmen bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten bekommen. Diese Mauschelbude lässt einen resignieren. Das ist ein System, Männerbünde, die sich stützen und helfen, um Privilegien zu behalten. Man muss sich nicht wundern, dass sich viele angewidert abwenden. Wir brauchen aber nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Wir haben in Deutschland bewiesen, dass wir ähnlich gestrickt sind. Es ist immer noch dasselbe: Großereignisse wie die EM 2024 zu bekommen und dafür viel Kreide fressen – diese Haltung hat sich nicht geändert.

    Lienen: Wenn es um sehr viel Geld geht bei einem Zuschlag, dann wirst du auch Menschen finden, die bereit sind, zu bestechen und zu korrumpieren. Die Fifa macht viele gute Dinge und stößt viele Entwicklungen auf der Welt an. Aber eine Minderheit bereichert sich. Und das geschieht auf dem Rücken von uns allen. Auch auf dem Rücken der Spielern, die zugunsten wirtschaftlicher Ziele ausgepresst werden. Ich weiß, dass wir Weltmeister geworden sind, aber an die EM kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Es interessiert mich nicht mehr, auch nicht die Champions League. Die Spieler können ihre beste Leistung nicht mehr bringen, es ist einfach nicht möglich. Das kann doch kein normaler Mensch aushalten, 50, 60, 70 Spiele, Jahr für Jahr, fast ohne Urlaub.

    Rettig: Die Perversion des Ganzen bleibt oft unter dem Radar der Öffentlichkeit. Wir haben einmal in einer Untersuchung festgestellt, dass ein U17-Nationalspieler am Ende einer Halbserie genauso viele Spiele gemacht hatte wie seinerzeit Philipp Lahm als Kapitän der Nationalmannschaft. Mit dem Unterschied, dass der Junge noch zur Schule ging. Heute spielen 16-Jährige gegen Donezk in der Youth-Champions-League und können drei Tage nicht zur Schule. Aber das ist sportpolitisch gewollt. Das kannst du keinem erklären.

    Lienen: Das ganze Sportsystem ist krank. Weil wir es nicht schaffen, den Sport so zu nutzen, wie es für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung möglich wäre. Was wir im Jugendfußball erleben, ist ein Auswuchs, den wir uns sehenden Auges selbst geschaffen haben. Es ist die Folge, wie Fifa und Uefa und auch die Nationalverbände das Produkt aufblähen und aufblähen und aufblähen. Wenn ich Trainer in der Champions League wäre, würde ich meinen Spielern auch nicht sagen: Wir machen vorne Fore-Checking und pressen sie kaputt. So wie Leipzig das macht. Das hält niemand auf Dauer aus. Das hohe Pressing – wenn du das alle drei Tage machen willst, gehst du kaputt. Dann verbrennen die Spieler. Du kannst zwei Jahre alles rausholen – aber anschließend ist es vorbei. Und was ist das Ende vom Lied?

    Sagen Sie es.

    Lienen: Du siehst zwei Topmannschaften in der Champions League, die eine hat den Ball, die andere steht mit zehn Mann vorm eigenen Strafraum. Früher haben das nur die Mannschaften von Mourinho gemacht, wenn sie gegen Barcelona gespielt haben. Jetzt macht das fast jeder – weil es nicht mehr anders geht. In Spanien haben wir dazu gesagt: den Autobus im Strafraum parken. Mittlerweile steht da der doppelte Autobus. Das ist langweilig hoch drei. Irgendwann werden auch die Leute auf den Tribünen erkennen, dass es nicht nur darum geht, das Spiel zu gewinnen. Sie wollen schönen Fußball sehen. Aber der schöne Fußball stirbt.

    Das Gespräch führte Michael Horeni.

    Bisher erschienen: Interview mit Günter Gebauer: „Die Zeit im Fußball ist reif für eine Rebellion“ (15. Januar); Interview mit Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff: „Das große Wachstum - da bin ich skeptisch“ (3. Februar); „Gefahr aus China? Wir stehen doch erst am Anfang!“ Marco Pezzaiuoli ist Nachwuchsleiter in der größte Fußballschule der Welt (11. Februar).

    Die Beiträge finden Sie unter http://www.faz.net/wohin-rollt-der-ball
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  • Beitrag » 16. Mär 2017, 17:52


    Fußball
    FC St. Pauli-Funktionäre
    „Das ganze Sportsystem ist krank“

    Von MICHAEL HORENI
    15.03.2017
    Der Trainer und der Geschäftsführer des FC St. Pauli sprechen über die Forbes-Tabelle, die politische Verantwortung von Verbänden und die Ausbeutung des Fußballs.

    F.A.Z.
    Wir haben das Jahr 2030: 48 Mannschaften bei der WM in China. Wird es den FC St. Pauli dann noch geben?

    Rettig: Der Verein wird dann sogar einen besonderen Stellenwert haben. Wir merken, dass es eine Sehnsucht bei vielen Fans gibt, die mit dem Einheitsbrei, mit dieser Gleichmacherei, diesem Stromlinienförmigen nichts anfangen können. Die Tendenz gibt es auch bei Werbetreibenden und Unternehmen. Ich bin sicher, dass der Wert unseres Vereins sich steigern wird, weil es dieses Unangepasste, Rebellische ist, was den Verein und die Marke FC St. Pauli ausmacht und was aus der Fanszene entstanden ist. Das ist großartig.

    Lienen: Der FC St. Pauli wird immer eine große Ausstrahlung haben. Wir haben Fans, die kommen von überall her in unser Stadion. Nicht nur aus ganz Deutschland, sie kommen aus Österreich, aus der Schweiz, aus Dänemark, aus Finnland, aus Schweden, viele kommen aus England. Die sehnen sich nach Fußball pur, ehrlicher Fußball mit Inhalten – nicht abgezockt. Bei manchen Klubs kannst du nicht mehr im Stadion zugucken, wenn du kein Vereinsmitglied bist. Da stehen 100 000 Leute auf der Warteliste wie in Barcelona. Auch bei Arsenal ist es schwer. Wenn du das Spiel doch sehen kannst, dann ist ein Normalsterblicher so viel Geld los, dass das nicht mehr feierlich ist – und wehe, du willst auch noch mit deinen Kindern hingehen. Zu uns kommen Leute, für die es billiger ist, sich in London in eine Maschine zu setzen, rüber zu fliegen, hier eine Eintrittskarte zu kaufen, als sich Premier League in ihrer Heimatstadt anzuschauen. Diese Entwicklung finde ich ungesund. Der FC St. Pauli wird immer eine wichtige, gute Rolle spielen, weil es einfach das Bedürfnis von vielen Menschen gibt, so einen Verein zu sehen – und zu unterstützen.


    Rettig: Es ist eben nicht nur das Spiel. Was vor dem Stadion los ist! Das fängt mit der Musik an. Wie die Leute miteinander umgehen, was das für ein Flair ist. Da spürt man: Das ist etwas anderes.

    Lienen: Es geht nicht nur um Fußball, es ist auch eine Lebensphilosophie. Es ist ein Leben im Verein, ein Leben um den Verein herum. Ein Beispiel: Zuletzt hatten wir einen Holocaust-Gedenktag. Mir sind zwei Leute aus Südamerika über den Weg gelaufen, ein Argentinier, der seit 20 Jahren in Polen lebt und arbeitet. Der andere ist aus Uruguay angeflogen, die kannten sich übers Internet, beide St. Pauli-Anhänger. Die waren komplett überrascht, dass die Mannschaft bei dem Gedenktag war, der Cheftrainer, der Sportdirektor, alle. Ich habe lange mit ihnen geredet, danach sind wir zusammen zu der Veranstaltung gegangen, die vom Fanladen organisiert wurde. Das ist in vielen Ländern selten. Mittlerweile kenne ich ein, zwei Vereine in jedem Land, die ähnlich aufgestellt sind, vielleicht nicht in dieser Konsequenz. Ich spüre dieses große Bedürfnis.

    Welche Entwicklungen des Fußballs machen ihnen denn die größten Sorgen?

    Rettig: 1963, im Gründungsjahr der Bundesliga, hatten wir 16 eingetragene Vereine. Heute gibt es noch vier oder fünf Vereine, alle anderen sind Klubs mit ausgegliederten Kapitalgesellschaften. Der originäre Sinn und Zweck, der hinter einem Verein steckte, wurde einkassiert. Wenn es so weitergeht, dann fällt in Deutschland auch die 50+1-Regel. Ich kann aber nicht in den Chor derer einstimmen, die sagen: Die Regel muss fallen, damit wir wettbewerbsfähig bleiben. Wir sind mit dieser 50+1-Regel in Deutschland Weltmeister geworden. Wir haben deutlich mehr Uefa-Ranking-Punkte geholt in den vergangenen Jahren als die Premier League, die mehr als eine Milliarde Euro mehr einsetzt und keinen Klub mit einem Klubkoeffizienten unter den ersten zehn besitzt. Wir haben Nachwuchs-Leistungszentren aufgebaut, eine tolle Trainerausbildung. Wir haben eine andere Fußballkultur. Wir haben also ....

    Lienen: ... in die Infrastruktur investiert. Während in England 70, 80 Prozent des Gesamtetats in die Gehälter fließen. Das ist bei uns wesentlich weniger.

    Rettig: Wenn 50+1 fällt, geht das Wettrennen nach dem reichsten Oligarchen los. Dann haben wir keine Bundesliga-Tabelle, sondern die Forbes-Tabelle.

    Muss ein politischer, ein eher linker Verein immer automatisch kapitalismuskritisch und investorenkritisch sein?

    Lienen: Investorenkritisch? Wir wollen auf höchstem Niveau Fußball spielen, wollen auch gute ökonomische Deals an Land ziehen. Aber nicht, wenn die Ausrichtung eines Klubs unterminiert wird. Wenn ich nach England schaue, da sitzt gefühlt alle fünf Wochen ein anderer Investor auf der Tribüne, dem der Klub gehört. Der kann machen, was er will. Leute entlassen, die Richtung des Klubs vorgeben. Und wenn ihm die Farbe nicht gefällt ...

    Rettig: ... dann kann er auch noch das Logo und das Wappen ändern.

    Lienen: Das Logo. Das Wappen. Die Tradition. Die Ausrichtung. Alles. Wenn er keine Lust mehr hat, verkauft er den Klub an einen anderen. Wer will sich dauerhaft mit so einem Klub identifizieren?

    Bisher ist die globale Entwicklung doch so: Den Fußball, auch wenn er womöglich eine andere Form und Emotionalität annimmt, wollen immer mehr sehen.

    Rettig: Das mag sein. Die Zahlen gehen ja in diese Richtung. Aber die Emotionalisierung und die Verbundenheit nehmen eine degressive Entwicklung. Weil der Fan immer mehr die Leidenschaft zu seinem Klub verliert.

    Globalisierung kostet Emotionalisierung?

    Lienen: Nicht nur das. Wir könnten auch den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Die Industrie interessiert sich für Fußball. Warum? Weil sich die ganze Menschheit dafür interessiert, noch. Ob Abramowitsch bei Chelsea eine Milliarde ausgibt oder nicht, interessiert den nicht mehr. Aber die meisten Klubs leben noch vom Sponsoring, von Werbung, von vielen Deals, die man mit Unternehmen macht. Und das Interesse von Unternehmen hängt eindeutig vom Interesse der Menschen am Verein ab. Wenn sich die Menschen nicht mehr für den Verein interessieren, nicht mehr ins Stadion kommen und nicht mehr millionenfach im Fernsehen hingucken – warum noch in Werbung investieren? Das ist kein Gefühl, das ist Logik.

    Rettig: Die degressive Emotionalisierung ist die größte Gefahr. Und der andere Punkt: Was wir bei großen Dingen, die das Leben bedeutsam und auch lebenswert machen, schon verloren haben, droht auch dem Fußball. In der Politik – da haben wir Politikverdrossenheit. Und die Kirchen – die sind leer. In der Politik hat Martin Schulz so hohe Sympathiewerte, weil er verständlich spricht und die Leute erreicht. Aber auch, weil er eine gewisse Glaubwürdigkeit hat. Und in der Kirche? Zum Glück haben wir jetzt einen Papst wie Franziskus. Das hängt aber nur noch am Einzelnen. Auch der Fußball, der Sport insgesamt, hat ein großes Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsproblem. Die Entwicklung, wenn ich auf Fifa, Uefa und IOC schaue, gepaart mit dieser schleichenden degressiven Emotionalisierungskurve, bereitet einem Kummer.

    Wenn 50+1 fällt – wird St. Pauli sein Schicksal einmal in die Hand eines Mehrheitseigners legen?

    Rettig: Niemals. Wir sind mit dem Prinzip, als mitgliedergeführter Verein Lasten auf viele Schultern zu verteilen, gut gefahren. Aber wir akzeptieren, wenn das anderswo auch anders gesehen wird. Warum sollten wir uns einem Investor ausliefern, wenn wir Tausende haben können und haben? Ich glaube, dass wir eine viel größere Kraft entwickeln auf vielen Schultern. Und wenn die Anhängerschaft wächst, haben wir noch mehr Schultern.

    Sie glauben von der Globalisierung in der Nische zu profitieren?

    Rettig: Hundertprozentig. Filet schmeckt auch nicht jeden Tag.

    Herr Lienen, Sie sind seit den 70er Jahren im Fußballgeschäft. Wie haben sich denn die Spieler durch Kommerzialisierung und Globalisierung verändert?

    Lienen: Es ist ja nicht jeder Profi Millionär. Da gibt es in der Bundesliga riesengroße Unterschiede, von der zweiten Liga ganz zu schweigen, auch wenn wir uns im Vergleich zu anderen Berufszweigen auf einem hohen Niveau bewegen. Aber ich sehe nicht, dass allen Profis die Taschen überlaufen. Es ist klar, dass Leute, die dann viel zu verlieren haben, sich auch mal vorsichtiger ausdrücken, Sponsoren nicht verärgern wollen und eigene Werbeverträge beachten. Aber man hat niemanden verboten, Stellung zu beziehen.

    Alles so schön unpolitisch im Fußball, das kann Ihnen doch nicht gefallen?

    Lienen: Das stimmt. Aber das gilt vor allem für die Verbände. Mit welchem Recht will der DFB oder die DFL einem Klub untersagen, sich politisch zu äußern? Mit welchem Recht kann jemand sagen: Hier im Stadion dürfen bestimmte Plakate nicht aufgehängt werden? Es ist offensichtlich, dass dies nur aus Eigenschutz geschieht, um die wirtschaftliche Ausbeutung nicht zu gefährden. Nur deswegen will der Fußball unpolitisch sein. Aber er hat eine riesengroße Verantwortung. Wir fragen uns doch: Wer interessiert sich überhaupt noch für Politik? Wer ist bereit, diese Demokratie zu verteidigen? Wie viele Jugendliche gehen noch auf die Straße? In welche Richtung geht die Gesellschaft? Und dann sagen die Verbände, wenn sich jemand politisch und demokratisch vernünftig äußern will – das wollen wir nicht!

    Rettig: Man muss fairerweise sagen, dass der DFB, nachdem er vor ein paar Jahren hier den Schriftzug „Kein Fußball den Faschisten“ abgehängt hatte, sich entschuldigt hat. Und zuletzt waren sie wieder hier und konnten sich mit dem Schriftzug auch identifizieren. Und unser Fanladen, der aus der Fanschaft entstanden ist, hat vom DFB den Julius-Hirsch-Preis bekommen. Das hat uns schon sehr gefreut. Für die Aktion „Kein Fußball den Faschisten“ wurde bewusst das Spiel gegen den auch von uns heftig kritisierten Klub aus Leipzig ausgewählt. Unser Präsident Oke Göttlich und Oliver Mintzlaff, der Vorstandsvorsitzende von RB Leipzig, haben eine gemeinsame Erklärung vorgelesen. Denn wir haben gesagt: Wir stehen uns zwar diametral gegenüber in der Frage, wie man einen Verein führt, aber in dieser politischen Frage gegen die Rechten beziehen wir gemeinsam Position.

    Lienen: Der DFB ist eine hochpolitische Organisation. Und er investiert unglaublich viel Energie und Geld in soziale Projekte, überall auf der Welt. Das ist gut. Aber der Profifußball als das hervorstechendste Produkt soll dann politisch steril sein? Das geht doch nicht.

    Rettig: Die Verbände postulieren ständig, politisch neutral zu sein. Aber der Fußball, der DFB und die DFL sind politisch. Wir haben einen DFB-Präsidenten (Reinhard Grindel, Anm. d. Red.), der bis vor kurzem CDU-Bundestagsabgeordneter war. Also augenzwinkernd aus unserer Sicht einer mit dem falschen Parteibuch. Und der Liga-Präsident Reinhard Rauball, mit dem „richtigen Parteibuch“ ausgestattet, hat als SPD-Politiker eine politische Karriere hinter sich. Beide Verbände werden geführt von Politikern, aber die Verbände sollen unpolitisch sein?

    Was heißt das für den FC St. Pauli?

    Rettig: Es ist gut, dass wir uns dazu bekennen, ein politischer Verein zu sein. In den letzten Wochen und Monaten sieht man, wie viele politische Themen auch den Sport angehen: Der Umgang in der Kosovo-Frage, der auch den Fußball betrifft. Die Trennung von Darmstadt 98 und Stürmer Ben-Hatira wegen dessen Unterstützung einer Gruppe, die Salafisten nahe stehen soll. Die Anklage von Deniz Naki in der Türkei wegen angeblicher Propaganda für die PKK. Fußball ist offensichtlich mehr als Entertainment – und deswegen äußern wir uns auch zu politischen Themen, vielleicht nicht immer mit der richtigen Tonalität, wie zuletzt beim Thema Bombardierung Dresdens und politische Vereinnahmung (Das Fanspruchband lautete: „Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt – gegen den kitschigen Opfermythos“, Anm. d. Red.). Aber es war richtig, das Thema Opfermythos an diesem Tage ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn es ist wichtig, dass man sich auch mit solchen Themen beschäftigt.

    DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat beim Neujahrsempfang gesagt, dass es vielleicht gar nicht schlecht sei, wenn in turbulenten Zeiten die Bundesliga eine Veranstaltung sei, wo man hingehen kann und von diesen ganzen Dingen nicht behelligt würde.

    Rettig: Das möchte ich nicht kommentieren.

    Lienen: Völlig inakzeptabel. Es geht doch nur darum, dieses Produkt klinisch reinzuhalten, damit man nicht irgendein Sponsorentum gefährdet. Die Verbände sind nicht nur hochpolitische Organisationen, der deutsche Fußball hat auch eine große politische Verantwortung für das eigene Land. Diese Verantwortung müssen DFB und DFL erkennen und sehen: Gesellschaftspolitisch läuft was in die falsche Richtung. Überall laufen in westlichen Ländern die Rechtspopulisten rum, und wir sind gerade im Begriff, die einfachen Leute auf der Straße zu verlieren. Es gibt Wutbürger, die ich gerne irgendwohin schicken würde, wo sie wirklich Grund hätten, Wut zu haben. Das sind Leute, die null Komma null Vorstellung davon haben, was es bedeutet, etwa in Rumänien zu leben. Oder in einem Kriegsgebiet. Denen geht es hier im Vergleich zu 80 Prozent der Menschheit gut – trotzdem sind sie auf der Straße und bereit, unsere Demokratie zu opfern.

    Was schlagen Sie vor?

    Lienen: Ich sage seit Jahrzehnten, dass wir viel zu wenig in den Breitensport, in den Schulsport, in den Gesundheitssport und insbesondere in die Jugendbildung durch Sport investieren. Sport ist die größte Möglichkeit, Jugendliche zu erziehen, ihnen nahezukommen, überhaupt Einfluss auf sie zu haben. Durch das Sporttreiben können wir ihnen wichtige Werte wie gegenseitige Achtung und Respekt vermitteln. Und mithilfe der außersportlichen Jugendbildungsarbeit wie Seminare, internationale Jugendbegegnungen und Arbeitsgruppen haben wir die Chance, die demokratische Erziehung voranzutreiben. Im Grunde hat das Internet die Weltherrschaft übernommen – und wir verlieren Zugang und Einfluss. Wir haben als Gesellschaft verloren, wenn wir nicht gegensteuern. Wir müssen Sportvereine finanziell so ausstatten, dass sie Jugendliche auch da behalten können und Vereine insbesondere diesem erzieherischen Anspruch gerecht werden können. Aber der erzieherische Gedanke im Sport wird von der überwiegenden Mehrheit der Politiker komplett unterschätzt. Sie stehen der gesellschaftlichen Entwicklung ahnungslos und hilflos gegenüber. Wir geben das Heft des Handelns aus der Hand – seit vielen Jahren.

    Welche Forderungen haben Sie an DFB und DFL in diesen Fragen?

    Lienen: Es ist meine persönliche Meinung, ich bin nicht der Außenminister des FC St. Pauli. Aber wir sind ein demokratischer Verein. Was ich hier sehe, das kommt dem, wie ich mir Vereinsleben vorstelle, sehr nahe. Wir sind Teil der Stadtkultur und unterstützen die Menschen, die hier leben und arbeiten. Das müssen die Verbände auf ihrer Ebene auch tun.

    Rettig: Nehmen wir die Flüchtlingsaktivitäten, die hier aus dem Stadtteil heraus entstanden sind. Hier wurde im täglichen Leben geholfen – abseits der medialen Berichterstattung. Aber wir haben uns auch mit der Springer-Presse auseinandergesetzt, weil wir uns ihrer Flüchtlingsaktion mit der DFL verweigert haben. Da waren seinerzeit einige über Nacht vom Brandstifter zum Brandlöscher mutiert – und die wollten uns erklären, was Solidarität bedeutet. Im kalten Januar vor einem Jahr haben unsere Helfer Leute stattdessen 25 Matratzen gekauft, sind mit Bullis zum Bahnhof gefahren, haben die Gestrandeten, die nicht nach Skandinavien rüber kamen, ins Stadion gebracht in das Matratzenlager. Einer von uns war jede Nacht da, wir haben die Kühlschränke vollgemacht, sie konnten in der Mannschaftskabine duschen. Das erzähle ich jetzt, über ein Jahr später. Das hatte die Springer-Presse damals spitzgekriegt und gesagt: ,Super Sache, Herr Rettig, da machen wir ein Foto‘. Und ich sagte: ,Genau das machen wir nicht.‘ Die, die es angeht, die wissen, was bei uns läuft.

    Sind die Fifa und die Uefa die Lösung oder Teil des Problems?

    Lienen: Lobende Worte über die aktuelle Fifa und Uefa zu finden, ist schwer.

    Rettig: Nach der Entscheidung für 48 WM-Teilnehmer sind jetzt 67 Verbände enttäuscht, denn Herr Infantino hat ja 115 Stimmen bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten bekommen. Diese Mauschelbude lässt einen resignieren. Das ist ein System, Männerbünde, die sich stützen und helfen, um Privilegien zu behalten. Man muss sich nicht wundern, dass sich viele angewidert abwenden. Wir brauchen aber nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Wir haben in Deutschland bewiesen, dass wir ähnlich gestrickt sind. Es ist immer noch dasselbe: Großereignisse wie die EM 2024 zu bekommen und dafür viel Kreide fressen – diese Haltung hat sich nicht geändert.

    Lienen: Wenn es um sehr viel Geld geht bei einem Zuschlag, dann wirst du auch Menschen finden, die bereit sind, zu bestechen und zu korrumpieren. Die Fifa macht viele gute Dinge und stößt viele Entwicklungen auf der Welt an. Aber eine Minderheit bereichert sich. Und das geschieht auf dem Rücken von uns allen. Auch auf dem Rücken der Spielern, die zugunsten wirtschaftlicher Ziele ausgepresst werden. Ich weiß, dass wir Weltmeister geworden sind, aber an die EM kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Es interessiert mich nicht mehr, auch nicht die Champions League. Die Spieler können ihre beste Leistung nicht mehr bringen, es ist einfach nicht möglich. Das kann doch kein normaler Mensch aushalten, 50, 60, 70 Spiele, Jahr für Jahr, fast ohne Urlaub.

    Rettig: Die Perversion des Ganzen bleibt oft unter dem Radar der Öffentlichkeit. Wir haben einmal in einer Untersuchung festgestellt, dass ein U17-Nationalspieler am Ende einer Halbserie genauso viele Spiele gemacht hatte wie seinerzeit Philipp Lahm als Kapitän der Nationalmannschaft. Mit dem Unterschied, dass der Junge noch zur Schule ging. Heute spielen 16-Jährige gegen Donezk in der Youth-Champions-League und können drei Tage nicht zur Schule. Aber das ist sportpolitisch gewollt. Das kannst du keinem erklären.

    Lienen: Das ganze Sportsystem ist krank. Weil wir es nicht schaffen, den Sport so zu nutzen, wie es für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung möglich wäre. Was wir im Jugendfußball erleben, ist ein Auswuchs, den wir uns sehenden Auges selbst geschaffen haben. Es ist die Folge, wie Fifa und Uefa und auch die Nationalverbände das Produkt aufblähen und aufblähen und aufblähen. Wenn ich Trainer in der Champions League wäre, würde ich meinen Spielern auch nicht sagen: Wir machen vorne Fore-Checking und pressen sie kaputt. So wie Leipzig das macht. Das hält niemand auf Dauer aus. Das hohe Pressing – wenn du das alle drei Tage machen willst, gehst du kaputt. Dann verbrennen die Spieler. Du kannst zwei Jahre alles rausholen – aber anschließend ist es vorbei. Und was ist das Ende vom Lied?

    Sagen Sie es.

    Lienen: Du siehst zwei Topmannschaften in der Champions League, die eine hat den Ball, die andere steht mit zehn Mann vorm eigenen Strafraum. Früher haben das nur die Mannschaften von Mourinho gemacht, wenn sie gegen Barcelona gespielt haben. Jetzt macht das fast jeder – weil es nicht mehr anders geht. In Spanien haben wir dazu gesagt: den Autobus im Strafraum parken. Mittlerweile steht da der doppelte Autobus. Das ist langweilig hoch drei. Irgendwann werden auch die Leute auf den Tribünen erkennen, dass es nicht nur darum geht, das Spiel zu gewinnen. Sie wollen schönen Fußball sehen. Aber der schöne Fußball stirbt.

    Das Gespräch führte Michael Horeni.
    jossen hat geschrieben:Lucerne hatte immer recht! Asche über mein Haupt

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  • Beitrag » 22. Mär 2017, 11:58


    http://www.spox.com/de/sport/fussball/b ... erung.html

    Bei solchen Berichten kriege ich immer Brechreiz.

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  • Beitrag » 22. Mär 2017, 12:02


    dragao hat geschrieben:http://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/1703/News/fc-bayern-muenchen-vorstand-deutschland-grenzen-internationalisierung.html

    Bei solchen Berichten kriege ich immer Brechreiz.

    ... aber immer schön gegen RB wettern, das kennt man ja.
    "Even if you fall flat on your face - at least you are moving forward."
    Sue Luke

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  • Beitrag » 22. Mär 2017, 12:27


    Windfahne hat geschrieben:
    dragao hat geschrieben:http://www.spox.com/de/sport/fussball/bundesliga/1703/News/fc-bayern-muenchen-vorstand-deutschland-grenzen-internationalisierung.html

    Bei solchen Berichten kriege ich immer Brechreiz.

    ... aber immer schön gegen RB wettern, das kennt man ja.


    Wie meinst du?

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  • Beitrag » 22. Mär 2017, 12:32


    Die Verbrecher von der Seitenstrasse.
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  • Beitrag » 21. Apr 2017, 16:21


    gabs eigentlich in spanien auch schon öiropagöpp-spiele, bei denen die bullen keine gegnerischen fans verprügelt haben?

    greez
    STADION ALLMEND 1934 - 2009
    cumk :: ultras mongos :: choooom

    «Stellen sie sich vor, ein Pyro mit 2000 Grad trifft ein Kind und das Kind stirbt. Was sagen Sie dann?»
    «Gewaltanwendungen gab es zwar keine, es hätte aber auch anders kommen können!»

    Romano Simioni, Allmend-Buch, 2009 hat geschrieben:Das KKL ist kein Ort, der für uns Luzerner und Innerschweizer
    gemacht wurde, sondern ein Ort, der in erster Linie dazu da ist,
    dem Prestige der Stadt gut zu tun. Ich befürchte, dass das neue
    Stadion eher ein KKL des modernen Fusballs wird und nicht eine
    lebendige Volksbühne, wie es die so sympathisch unperfekte
    Allmend war.

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  • Beitrag » 22. Apr 2017, 07:30


    ja. das nächste CL-halbfinale ist z.b. so ein spiel.
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