Re: Mitstreiter 2025/2026
Verfasst: 8. Okt 2026, 13:33
blick.ch hat geschrieben:So stehts um das Projekt Wiederaufstieg beim FC Winterthur
«Es liegt an uns, die Fans bei Laune zu halten»
Die Super League hat einen Ableger: Absteiger Winti spielt vor mehr Publikum als der Leader Lugano. Über 7000 Fans verfolgen im Schnitt live, wie das Comeback-Projekt verläuft. Für die Macher ist klar: «Wir wollen so schnell wie möglich zurück in die Erstklassigkeit.»
Präsident Mike Keller steht für Verlässlichkeit und wirtschaftliche Stabilität.
Der FC Winterthur bewältigte den Abstieg 2023 mit Besonnenheit und Teamgeist
Budget auf 10 Millionen Franken reduziert, aber Top-2-Platzierung in Challenge League
5000 Saisonkarten und Stadionausbau bis 2029 belegen das ungebrochene Fan-Vertrauen
Im letzten Mai drehte der FCW im Letzigrund nach einem trostlosen 2:3 gegen GC zur Abschiedsrunde ab. Mit feuchten Augen zwar, aber mit Würde. Dem Abstieg nach vier Jahren in der nationalen Beletage folgte nicht der weit verbreitete Reflex, alles umgehend auf den Kopf zu stellen und eine sofortige Entlassungswelle einleiten zu müssen.
Die Winterthurer Entscheidungsträger pflegen in solchen Fällen wohltuend anders und besonnen zu handeln, ihr Klub-Slogan «Friede, Freiheit, Fussball» ist mehr als eine Verklärung aus der Marketingabteilung. «Sachlich betrachtet konnte der Abstieg passieren. Wenn jeder Konkurrent immer alles aus seinen Möglichkeiten herausgepresst hätte, wäre unsere Zeit in der Super League wohl schon früher abgelaufen», hält Sportchef Oliver Kaiser (46) im Gespräch mit Blick ganz nüchtern fest.
Wie passen Budgetkürzung und Marchesano zusammen?
Ganz ohne Nebenwirkungen blieb der Rückfall in die Zweitklassigkeit selbstredend nicht. Eine über 40-prozentige Senkung der Gesamtkosten auf zehn Millionen Franken war unverhandelbar. Lohnkürzungen gehörten zum Pflichtprogramm Kaisers. Ein finanzielles Downgrading durchzuführen und zeitgleich ein Kader zu nominieren, das für die Ambition stehen soll, um eine Top-Klassierung mitzuspielen, war der Auftrag der verlässlichen Besitzer-Familie Keller. «Es ist eine grosse Herausforderung, der wir uns stellen», sagt Kaiser.
Auf dem Papier gehört der FCW zur erweiterten Spitze. Das Ensemble kommt nach wie vor auf einige Super-League-Kilometer. Auf dem Rasen resultiert nach dem ersten Viertel der Saison eine Top-2-Platzierung. «Wir haben uns mit unserer neuen Rolle arrangiert und sind angekommen», sagen sie unisono.
Mit Antonio Marchesano hat der Challenge-League-Verein einen klingenden Namen zu bieten, der prima vista so gar nicht zur wirtschaftlichen Verschlankung passt. Kaiser liefert den entsprechenden Background zum spektakulären Königstransfer: «Da ging es nie ums Geld. Hätten wir uns darüber definiert, wäre Toni heute an einem anderen Ort tätig. Er wollte noch einmal in einem Verein mit Fussball-Ambiente spielen.» Friede, Freiheit, Fussball.
In Winti fahren bald die Bagger auf
In der Szene ist zu hören, wovon Kaiser immer wieder spricht: vom gesunden Fundament, von vertrauensvollen Klubchefs, vom ausgeprägten Realitätssinn und von der anhaltenden Dynamik in der Stadt. «Der Verein bewegt die Bevölkerung. Wir erhalten die Unterstützung unabhängig vom Abstieg weiterhin. Die Menschen stehen hinter uns, das ist sehr hilfreich», meldet Kaiser.
Die gegen 5000 Saisonkarten sind Beleg des Vertrauens und auch das Ergebnis einer schon länger registrierten Aufwärtstendenz. Andreas Mösli, personifizierter Mister für alle FCW-Fälle, kennt die Schwankungen und Entwicklungsschritte aus eigener Erfahrung: «Wir dürfen nicht vergessen, woher wir kommen. Vor 20 Jahren waren wir auf Augenhöhe mit dem FC Schaffhausen. Wir hatten kaum mehr einen Unterbau. Nun sind wir sehr gut verankert.» Mösli durchschaut die Zusammenhänge – auch jene im politischen Sektor. Deshalb ist die klar gewonnene Abstimmung zur Stadionerweiterung keine Überraschung. Während der FCZ und GC inzwischen seit zwei Dekaden auf den Neubau der Fussballarena warten, fahren in Winterthur demnächst die Bagger auf: Zwei Tribünen im Stirnbereich werden errichtet, und ein neues Garderobengebäude entsteht bis 2029.
Rahmens Weg und Konsequenz
Von den positiven Vibes lässt sich auch Patrick Rahmen (57) inspirieren. Der Coach passt mit seiner unaufgeregten, selbstlosen Art ins Gefüge. Für ihn stand trotz einer beidseitigen Ausstiegsklausel im Vertrag nie ernsthaft zur Debatte, beim FCW wieder auszusteigen: «Wichtig war für mich, dass die Mannschaft trotz der Einsparungen konkurrenzfähig bleibt.» Den Zusammenhalt inner- und ausserhalb der Mannschaft spürt der 57-Jährige täglich. «Der Zuspruch der Leute ist enorm. Es liegt an uns, die Fans bei Laune zu halten. Und wir müssen unsere Strukturen weiter optimieren, um uns mittelfristig wieder in der Super League festsetzen zu können.»
Rahmen denkt dabei vor allem an einen besseren Einsatz der Ressourcen: «Wir müssen unseren Weg konsequent gehen.» Der Coach hat die eigene Juniorenabteilung im Blick. Sie soll die Pipeline sein, entsprechend mache es keinen Sinn, ein zu aufgeblähtes Kader zu halten. «Der ideale Weg in den Profifussball führt in Winterthur über die Nachwuchsabteilung und nicht über Leihgeschäfte. Es muss klar sein, dass man bei uns einen entscheidenden Schritt gegen oben hin machen kann.» Aktuell ist dieser Kurs vermehrt sichtbar: Sambou Camara (19) und Yannis Odin (18) gehören zum Stamm. Dass sie eher früher als später national zum Thema werden, ist für Rahmen «ein Teil des Geschäfts».
Der Trainer schätzt, wie die Klubführung um Präsident Mike Keller tickt. Gut angekommen ist auch das VR-Engagement des früheren Nationalspielers Admir Mehmedi. In Winterthur ist die Zündschnur der Entscheidungsträger spürbar länger als bei Rahmens früheren Arbeitgebern in Bern, Basel oder Hamburg. Das spricht sich herum. Auch bei Akteuren, die beim FCW finanziell zurückbuchstabieren müssen, dafür aber solide Verhältnisse antreffen und unter Chefs arbeiten dürfen, die ihre Pläne nicht im Wochentakt neu entwerfen.