Sonntagszeitung vom 04.11.2012 hat geschrieben:
Direkte Sprache und eine dicke Haut
Der FC Luzern hat eine traditionelle Konstante: Unruhe. Begegnungen mit Grossinvestor Alpstaeg, Goalie Zibung, Legende Wolfisberg und Präsident Hauser.
VON PETER M. BIRRER, THOMAS SCHIFFERLE TEXT UND RETO OESCHGER FOTOS

«Nicht alles gefallen lassen»: Mike Hauser im Schweizerhof

Zwei Uhren, eine Meinung: Grossinvestor Bernhard Alpstaeg in seinem Büro

«Resultate müssen stimmen»: Paul Wolfisberg im Schützenhaus
LUZERN Donnerstag, Allerheiligen, Tag der Grabbesuche in der Zentralschweiz. Tag des Besuchs bei Bernhard Alpstaeg in Steinhausen ZG. Er ist fünf Minuten zu früh. Seit er in Moskau wegen der Zeitumstellung einen Geschäftstermin verpasste, trägt er zwei Uhren.
Alpstaeg ist studierter Maschinenbauer und hat sich mit seinem Bruder ein Baustoffimperium aufgebaut. Dessen Kennzahlen sind: eine Milliarde Franken Umsatz, über 3000 Arbeiter in 26 Fabriken und 6 Ländern. «Ich bin ein Baumensch», sagt der 67-Jährige, «wissen Sie, Baumenschen haben eine direkte Sprache.»
Es ist jetzt fünf Wochen her, dass er in einem Interview mit der «Zentralschweiz am Sonntag» deutlich machte, was er darunter versteht. Der Kernsatz hiess: «Sowohl der Sportchef wie der Trainer vernachlässigen ihren Job. Ich habe den Eindruck, sie haben keine Ahnung von Fussball.» Sagte einer, der bis vor sieben Jahren mit dem Fussball nichts zu tun hatte.
Die Entschuldigung von Alpstaeg bei Heinz Hermann
An diesem Donnerstag in seinem Büro, als Luzerns CEO Thomas Schönberger mit am Tisch sitzt, erklärt Alpstaeg: «Das sagte ich aus dem Ärger heraus, aus der Entrüstung über eine hundsmiese Leistung, die ich von der Mannschaft zuvor gegen GC gesehen hatte.» Bei Sportchef Heinz Hermann hat er sich dafür entschuldigt, bei Trainer Ryszard Komornicki will er das noch tun.
Seine Attacke war der Höhepunkt, besser: der Tiefpunkt in der allgemeinen Unruhe, die den FCL nach dem schlechten Saisonstart und der Trennung von Trainer Murat Yakin wieder einmal erfasst hatte. Sie steht für die Emotionalität, von der sich auch Alpstaeg nicht freimachen kann. «Man hat doch das Anrecht, aufzurütteln», sagt er, und mit «man» meint er einen: sich. Bevor er nachschiebt: «Ich bin weiter der Meinung, dass das gegen GC ein Scheissspiel war. Durfte ich da nicht sagen, dass Trainer und Sportchef keine Ahnung von Fussball haben?» Er sieht nichts Beleidigendes darin. Und lacht schelmisch.
Für die Namensrechte am Stadion zahlt Alpstaeg 10 Millionen Franken. Mit 26 Prozent Anteil an der Löwen Sport und Event AG, zu der Verein und Stadion gehören, ist er der grösste Aktionär. Seit Mittwoch ist er auch ihr Sprecher – er, der möchte, dass man ihn nicht mehr als Polterer bezeichnet, sondern als Investor. «Alpstaeg», zitiert
Alpstaeg selbst den Beschluss der Aktionäre, «du gehst vor!» Er hält sich dafür am besten geeignet. Und Walter Stierli, mit 25 Prozent zweitgrösster Anteilseigner? «Als ehemaliger Präsident ist er zu nahe», sagt Alpstaeg. Oder der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris, mit 12,5 Prozent die Nummer 3? «Er ist zu sehr beschäftigt.»
An eben diesem Mittwoch trafen sich die Aktionäre zur Lagebesprechung. Am Ende stand der Grundsatzbeschluss, den Alpstaeg so zusammenfasst: «Die Aktionäre unterstützen den FC Luzern, haben Vertrauen in die Führung, in Mike Hauser, in Thomas Schönberger und den Rest des Teams.» Er schaut zur Seite, zu Schönberger: «Das ist doch so, Thomas?» Der nickt.
10 000 bis 30 000 Franken pro Monat verdienen die Spieler in Luzern. «Und Herr Rangelov trifft trotzdem nicht einmal die Latte», sagt Alpstaeg. Dimitar Rangelov ist der Problemstürmer, der sich im Training eine Tätlichkeit an Mitspieler Jérôme Thiesson leistete. Der Club mahnte ihn ab, Alpstaeg hätte ihn rausgeworfen.
Ein Fussballclub muss nicht unbedingt rentieren, denkt Alpstaeg. Ein Fussballverein muss Freude machen. Im Fall des FCL sagt Alpstaeg: «Ich darf die Forderung stellen, dass er auf einem Platz zwischen 6 und 3 landet. Darf ich das, Thomas?» Sein Ton allein erlaubt keinen Widerspruch.
Torhüter David Zibung: «Mimosen sind fehl am Platz»
Die Aufregung lässt David Zibung an sich vorbeiziehen, er sagt: «Es darf nicht unsere Hauptbeschäftigung sein, uns mit dem zu befassen, was in der Zeitung steht. Wir müssen uns nur fragen: Wie besiegen wir Servette?»
Zibung hat frei an diesem Donnerstag, als die U-21 auf dem Kunstrasen trainiert und er, der Goalie der ersten Mannschaft, auf dem Gelände vorbeischaut. 28 ist er, sein halbes Leben als Fussballer hat er in diesem Club verbracht, laut Vertrag will er mindestens bis 2016 bleiben.
Nach 14 Jahren FCL lässt er sich nicht mehr so schnell erschüttern. 2004 stieg er zu den Profis auf, er erlebte die trüben Zeiten mit leeren Kassen im maroden Stadion, 2005 den Einstieg von Stierli als Präsident, 2006 die Euphorie des Aufstiegs. Zibung stand weiter im Tor, als Ciriaco Sforza auf den populären René van Eck folgte, als 2007 der Cupfinal erreicht wurde, bevor 2008 neue Wirren begannen: Der Trainer musste gehen, mit Roberto Morinini der Nächste auch bald wieder – und unter Rolf Fringer glückte der Ligaerhalt in der Barrage.
Fringer ist in Luzern Geschichte wie Murat Yakin. Zibung nimmt das hin, er registriert auch gelassen verbale Ausbrüche von Alpstaeg: «Es heisst doch: Wer zahlt, befiehlt.» Aber er würde solche Vorgänge nie als Entschuldigung missbrauchen, wenn er einen Ball fallen lässt: «Das wäre eine billige Ausrede. Verantwortlich bin ich allein für meine Leistung.» Und überhaupt: «Mimosen sind in diesem Geschäft fehl am Platz.»
Die Stimmung im und rund um den Verein nimmt Zibung nicht als aufgewühlter wahr als sonst. Er erinnert sich an trostlosere Zeiten, als in der Challenge League die Lohnzahlungen stockten und die Mannschaft zwei Tage mit dem Training aussetzte. Es sind Erfahrungen, die ihn gelassener nehmen lassen, was jetzt passiert. Und wenn er die Zeitung aufschlägt, denkt er manchmal: «Papier nimmt alles an.» Gleichzeitig kennt er den Mechanismus: «Wenn über den Verein geschrieben und geredet wird, zeigt das seinen Stellenwert.»
Wie Wolfisberg früher gegen den Trainer protestierte
Er trägt noch immer Bart, unverkennbar wie in den 80er-Jahren, als er Nationalcoach war. Paul Wolfisberg kommt ins Schützenhaus, dem Restaurant gleich neben dem Luzerner Stadion. In der Hand eine Plastiktasche, darin zwei Exemplare von «Der Wolf», seiner Biografie.
Dem FCL ist der 79-Jährige seit ewigen Zeiten verbunden. Er sagt: «Ich finde nicht mehr schön, was jetzt passiert – immer negativ.» Die Aussagen von Bernhard Alpstaeg über Trainer und Sportchef findet er «stupid», auch wenn er denkt, in der heutigen Gesellschaft müsse man einen harten Ton anschlagen. Er sagt auch: «Heinz Hermann weiss, dass er gewisse Schwächen hat.» Damals in der Nationalmannschaft hätte er sich einen Hermann gewünscht, der als Spieler wie Andy Egli gewesen wäre – «einer mit mehr Power». Aber eben: «Jeder ist so, wie er ist.»
1960 führte Wolfisberg den FCL als Captain zum Cupsieg, für 900 Franken im Monat. Er war ein Leader, der dagegen protestierte, wenn der damalige Trainer Rudi Gutendorf schlecht über die Spieler redete. Er sagt auch: Wenn er so hätte spielen müssen, wie es der junge Alain Wiss heute tut («nur quer, quer, nie über die Mittellinie»), dann hätte er die «Tschuttschueh» weggeworfen.
Wolfisberg weiss: Er kommt aus einer anderen Zeit. Nur eines gilt auch für ihn unverändert: «Im Fussball kann alles richtig sein. Die Resultate müssen einfach stimmen.»
Der Hotelier und das Kontrastprogramm zu Stierli
Als Walter Stierli am 18. April seinen Rücktritt bekannt gab, sagte er: «Es gibt selbstverliebte Präsidenten, die nicht wissen, wann sie gehen sollten. Der Zeitpunkt meines Abgangs ist ideal.» Seinen Nachfolger rekrutierte er aus den eigenen Reihen: Mike Hauser, der seit zehn Jahren im Vorstand war. Hauser, 41, ist in Luzern ein bekanntes Gesicht aus gutem Haus: Er führt mit seinem Bruder den Schweizerhof, ein Fünfsternehotel an bester Seelage und im Besitz der Familie Hauser seit 1861. Der FCL gehört für Hauser zum Stadtbild wie Wasserturm und Kapellbrücke. Er wuchs als Fan auf, ging mit dem Sohn des langjährigen Präsidenten Romano Simioni zur Schule, der Fussball faszinierte ihn schon immer. Als es um die Frage ging, ob er Clubchef werden will, bekam er aus seinem Umfeld schnell zu hören: «Bist du sicher, dass du das machen willst?» Nach eingehender Beratung mit seiner Familie sagte er zu.
Hauser sitzt im mächtigen Foyer seines Hotels und betont: «Meine Motivation war immer die Sache, der FCL. Jeder weiss alles besser, es ist wie in der Hotellerie. Umso wichtiger ist es, nicht alles persönlich zu nehmen. Man muss sich eine dicke Haut zulegen.»
Sich selber bezeichnet er als teamorientiert, der mit Emotionen nüchtern umzugehen versucht und kein Interesse hat, sein Gesicht ständig in der Zeitung zu sehen: «Ich bin kein Prestigemensch.» Seine zurückhaltende Art hat ihm auch schon den Vorwurf eingetragen, ein blasser Präsident zu sein, wie ein Kontrastprogramm zu seinem Vorgänger.
Stierli gab sich gern als jovialer Patriarch mit guten Beziehungen, die er auch mit der «Neuen Luzerner Zeitung» pflegt. In Luzern heisst es, er habe veranlasst, dass ein unliebsamer Journalist als Berichterstatter vom FCL abgezogen wird. Chefredaktor Thomas Bornhauser hält dezidiert entgegen: «Weder beim FC Luzern noch anderswo bestimmen Akteure, wer bei der Zeitung worüber und wie berichtet.» Und was sagt er zum Vorwurf, die NLZ würde mit ihren emotional gefärbten Berichten zur Unruhe beitragen? «Wenn die Zeitung als unabhängige Beobachterin kritisiert, kann das von den Verantwortlichen oder Fans durchaus auch als Unruhestiftung interpretiert werden.»
Die Kritik von Alpstaeg ist für Hauser «grenzwertig»
Am Dienstag erging das Hauser so, als er las, dass die Investoren den FC Luzern neu strukturierten. Zuerst sei ihm «fast die Galle hoch gekommen, das war alles Humbug», dann lancierte er den Konter. Der Club stellte in einem Communiqué sechs Behauptungen der Zeitung aus seiner Sicht richtig. «Wir lassen uns nicht alles bieten», sagt er zum Artikel. FCL-Medienchef René Baumann spricht von «geschäftsschädigenden Äusserungen». Wen sie als Informanten für die NLZ vermuten, lassen sie offen. Die Frage, ob es sich um Stierli handle, wollen sie nicht beantworten.
Hauser hat gelernt, damit zu leben, dass sein Vorgänger als Verwaltungsratspräsident der Löwen Sport und Event AG immer noch Einfluss hat. Hauser hat auch hingenommen, was Grossinvestor Bernhard Alpstaeg in die Welt gesetzt hat. Heute sagt der Präsident: «Ich akzeptiere, wenn er nicht die gleiche Meinung hat. Aber das war grenzwertig.»
Hauser glaubt, dass sich die erhitzten Gemüter beruhigen, er glaubt auch an eine Zukunft des FCL mit Heinz Hermann und Ryszard Komornicki – obwohl die baldige Entlassung der beiden längst prognostiziert worden ist. «Hermann versteht den Fussball», sagt Hauser, «er kann uns weiterbringen.» Und: «Unser Trainer im Frühling heisst Komornicki.»
Nur weiss er selber auch, wo er Präsident ist. Und dass in Luzern heute keiner sagen kann, was morgen sein wird.