Von paul_linke
Dienstag den 21.11.2006 05:42
Monopol der Stimmungsmache
Prof. Dr. Gunter A. Pilz studiert seit 30 Jahren das Denken und Handeln von Fußballfans. Im Gespräch mit 11freunde.de erklärt er das Phänomen der Ultra-Bewegung.
11 Freunde: Herr Prof. Dr. Pilz, die Mitte der 90er entstandenen Ultra-Bewegungen wenden sich gegen den Zeitgeist der Kommerzialisierung. Was heißt das genau? Gunter
Pilz: Die Ultras wollen an der Uhr drehen und die alten Traditionen ins Stadion zurückholen. Man könnte sagen: Sie blicken nostalgisch nach vorne. Sie besinnen sich auf das, was die Fußballkultur einst ausmachte und stemmen sich gegen alles, was unter den Sammelbegriff Kommerzialisierung des Fußballs fällt.
11 Freunde: Die Italiener waren ihrer Zeit voraus und gründeten die Ultra-Bewegung schon über 30 Jahre früher.
Pilz: Das lag vor allem an den festen Fanstrukturen. Die italienischen Ultras gingen fast komplett aus der studentischen Linken hervor und übertrugen ihren Unmut mit der Gesellschaft auf den ihrer Meinung nach ebenfalls kränkelnden Fußball. In Deutschland war die Fanszene Anfang der 70er nicht ausreichend organisiert, eher lose gruppiert und ohne Hierarchien.
11 Freunde: Welche Effekte können gut organisierte Ultras erreichen?
Pilz: Die meisten Fangruppierung mussten irgendwann einmal die bittere Erfahrung machen, dass sie sich so weit von einander entfernt haben und folglich nicht mehr in der Lage waren, für Stimmung in Stadion zu sorgen. Die entsprechende Lehre lautete: Wir müssen wieder zu einer Einheit werden, um die traditionelle Stadionatmosphäre zu retten – das haben die Ultras bundesweit geschafft.
11 Freunde: Sind Ultras ein ausschließlich belebendes Stimmungselement oder verstecken sich unter ihnen auch potentielle Gewalttäter mit anderen Zielen?
Pilz: Das größte Problem der Ultras ist das Streben nach dem Monopol der Stimmungsmache. Um dies alleine für sich reklamieren zu können, benötigen die Ultras mehr Zulauf. Nur, je mehr Leute sich organisieren, desto höher ist die Gefahr, dass sich auch rechte oder linke Gewalttäter darunter befinden. Zwar sind Ultras in der Regel politisch unmotiviert, doch gerade weil sie eine offene und heterogene Bewegung sind, lauert hier das Risiko einer partiellen Unterwanderung. Zu beobachten ist in letzter Zeit der Schulterschluss zwischen Hooligans und den eher friedlichen Ultras, die nicht mehr einschreiten, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt.
11 Freunde: Wie verhalten sich Ultras in der aktuellen Debatte um Gewalt und Rassismus in den Stadien?
Pilz: Die Ultra-Szene hat im Kampf gegen Rassismus einiges in die Wege geleitet. Es haben sich Arbeitsgruppen gefunden, die mit Stadionaktionen für mehr Toleranz werben. In Zusammenarbeit mit den Klubs senden sie somit ein wichtiges Signal nach außen, sind aber auf Rückendeckung auch von Seiten des DFB angewiesen. Abzuwarten bleibt indes, ob sich das Engagement auch langfristig bewährt und nicht bald in der Schublade verschwindet. Ziel ist es, die Aufmerksamkeit möglichst hoch zu halten.
11 Freunde: Der DFB hat die Bundesligisten verpflichtet, Vereine und Fans härter zu bestrafen. Ist das besonders unter den Ultras kritisierte Stadionverbot ein probates Mittel?
Pilz: Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass 75 Prozent der Ultras die Berechtigung eines Stadionverbots durchaus anerkennen. Hierfür ausschlaggebend ist in erster Linie eine saubere Begründung, die den oftmals vorgebrachten Verdacht der Willkür ausschließt. Ein der Schlägerei bezichtigter Fan darf nicht mit gleicher Härte bestraft werden, wie einer der nur dabei stand oder einer der sich mit dem Einsatz von Pyrotechnik schuldig gemacht hat. Generell haben Strafen nur dann einen Sinn, wenn sie nicht als Vergeltungsaktion wahrgenommen werden, sondern einen Sinneswandel bewirken. Wenn das nicht der Fall ist, werden Stadionverbote und andere Sanktionen immer kontraproduktiv sein.
11 Freunde: Wie sieht das in der Praxis aus?
Pilz: In Hannover beispielsweise werden Stadionverbote nicht ausschließlich von der Polizei ausgesprochen. Fanbeauftragter und Fanprojekte sind ebenfalls eingeladen, gemeinsam über adäquate Sanktionen zu entscheiden. Als Faustregel gilt: Jedem sollte die Chance auf Bewährung eingeräumt werden. Stadionverbote sind freilich keine Wunderwaffe gegen Gewalt und Rassismus, sie können sich sogar ins Gegenteil verkehren und die Probleme aus dem Stadion auf die Straße verlagern.
11 Freunde: Hannover 96 hat in einer beispiellosen Aktion die Stadionhausordnung erneuert – offensichtlich zahlt es sich aus.
Pilz: Dabei ist das Modell einfach und überall durchsetzbar. Die Überlegung, die dahinter steckt: Rassismus kommt heute subtil daher und wird nicht von allen wahrgenommen, weil die Kommunikation der Szene einer Codierung unterliegt. Die Zuschauer im Stadion müssen sensibilisiert werden und erkennen, welche Fahnen, Schals und Zeichen Ausdruck einer rassistischen Gesinnung sind. Deshalb werden Zuschauer in Hannover angesprochen und gefragt, ob sie sich der Aussagekraft ihrer Fanartikel eigentlich bewusst sind. Der Effekt ist erfreulich: Rassismus ist im Stadion, aber auch in Fanforen zum Gesprächsgegenstand geworden. In Hannover gibt es heute ein aufgeklärtes und couragiertes Publikum. Ich kenne keinen anderen Bundesligisten, der ähnlich erfolgreich arbeitet. Vielleicht auf Schalke, wo der erste Antirassismusparagraphen in die Satzung aufgenommen wurde.
11 Freunde: Sie sprechen von Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung. Gibt es Stadionsitten, die harmlos anmuten, im Grunde aber eine diskriminierende Botschaft transportieren?
Pilz: Ganz klar, denken Sie nur an die Stadionvorstellung der gegnerischen Mannschaft und den beliebten Ausruf, der den Namen angehängt wird. Diese Provokation, diese Abwertung der anderen ist Diskriminierung hoch fünf. Wenn Fans tatsächlich der Meinung sind, sie müssten sich weiterhin so verhalten, dann sollten sie kurz in sich gehen und überlegen, wie ernst sie es eigentlich mit der Menschenwürde halten. Es geht nämlich auch anders, wie die Mainzer letztes Jahr bewiesen haben, als der Gegner mit selbiger Begeisterung begrüßt wurde wie die eigene Mannschaft. Leider hat sich das nicht durchgesetzt – warum eigentlich? Wenn Stimmung nicht ohne Toleranz auskommt, dann stimmt an dieser atmosphärischen Auffassung etwas nicht.
Quelle:
http://www.11freunde.de/ballkultur/18913