Verfasst: 22. Jan 2009, 19:25
an ihm werden wir noch viel freude haben...Siempre Lucerna! hat geschrieben:Fussball: FC Luzern im Trainingslager
Diarra: «Ich werde mich durchbeissen»
Bei seinem Amtsantritt verbannte ihn Rolf Fringer auf die Tribüne. Im Trainingslager in Side kämpft Boubacar Diarra nun um eine neue Chance.
«Eines ist klar, ein richtig fitter Diarra würde uns helfen.»
Rolf Fringer
«Ich bin keiner dieser Spieler, die rumschreien, nur damit geschrien ist.»
Boubacar Diarra
Es ist als Beobachter nicht immer ganz leicht, den Fussballer Boubacar Diarra zu verstehen. Zum Beispiel, wenn es in einer Partie drunter und drüber geht. Der Gegner stürmt, das Publikum tobt – und in der Innenverteidigung des FC Luzern steht ein Diarra, der so aussieht, als ginge ihn das alles nichts an. Manche sagen, er wirke in diesen Momenten reichlich desinteressiert an den Geschehnissen in seiner unmittelbaren Umgebung. Diarra hört das nicht zum ersten Mal. Und nicht zum ersten Mal sagt er: «Das ist Unsinn. Ich bin auf dem Feld eben eher der ruhige Typ, der versucht, zu analysieren und kühlen Kopf zu bewahren. Ich bin keiner dieser Spieler, die rumschreien, nur damit geschrien ist.»
Die Verbannung
Um das zu wissen, muss man Diarra jedoch etwas besser kennen. Als Rolf Fringer seinen Dienst beim FCL antrat, war eine seiner ersten Amtshandlungen, den 29-Jährigen aus dem Kader zu streichen. Einige deuteten dies als Zeichen, dass nun ein anderer Wind wehe. Andere glaubten, Fringer sei kein Freund der nonchalanten Spielweise Diarras. Fringer selbst schüttelt bei diesen Thesen nur den Kopf. Er sagt, er habe einen Boubacar Diarra angetroffen, dessen Fitness in einem äusserst bedenklichen Zustand gewesen sei: «Boubacar war nicht parat – er war überhaupt nicht parat.»
Also sass Diarra, der in Deutschland 153 Bundesligaspiele absolviert hatte, plötzlich beim Super-League-Schlusslicht auf der Tribüne. Es war ein Schock für den Mann aus Mali: «Als würdest du von einer Wolke auf den Boden fallen.» Diarra verstand die Welt nicht mehr. Er grübelte und grübelte und kam zu einem niederschmetternden Ergebnis: «Ich dachte, dass der Trainer glaube, ich sei allein schuld daran, dass wir Letzter sind.»
Fringer: «Boubacar kämpft»
Ein Missverständnis, das aus der Welt geschafft werden konnte. Fringer hat Diarra seine Gründe erklärt – und der sagt nun: «Ich kann ihn verstehen, ich war wirklich nicht fit.» Mittlerweile ist er dabei, das zu ändern. «Es fehlt zwar noch ein bisschen», sagt Fringer, «aber Boubacar kämpft.»
Es ist ja nicht das erste Mal, dass er sich durchbeissen muss. Diarra war gerade einmal 18 Jahre alt, als er aus Mali nach Freiburg kam. Er wusste nicht viel über Deutschland, auch nicht über den Winter dort. Deshalb war er eines Morgens hochgradig irritiert, als er aufwachte, aus dem Fenster blickte und Schnee sah. «Da war für mich klar», hat er mal lachend erzählt, «dass an diesem Tag kein Training stattfinden würde. Aber dann ist der Trainer gekommen und hat gesagt, dass wir rausgehen.» Er hat sich an das Klima gewöhnt, an die fremde Sprache und auch daran, dass die Mentalität hierzulande eine andere ist als in Mali. Aber er wird sich nicht daran gewöhnen, dass einige Zuschauer noch immer denken, ein guter Verteidiger sei nur dann ein wirklich guter Verteidiger, wenn er mit seinen Befreiungsschlägen Flugzeuge vom Himmel holt und Flutlichtmasten umgrätscht.
Achillessehne gereizt
Diarra ist ein Profi, der spielerische Lösungen sucht – und die nötige Klasse dafür besitzt. Das kann man auch im Trainingslager in Side erkennen. Am Morgen steht Zweikampftraining mit Torabschluss auf dem Programm, Diarra ist in der Rolle des Angreifers. Er macht einen Übersteiger, einen zweiten – und spätestens der dritte würde den durchschnittlich begabten Mitteleuropäer schnurstracks auf die Orthopädiestation führen. Aber bei Diarra staunt der Gegenspieler, der Torhüter liegt am Boden und der Ball im Tor.
«Eines ist klar», weiss auch Fringer, «ein richtig fitter Diarra würde uns helfen.» Er ist auf einem guten Weg. Das Einzige, das ihm noch zu schaffen macht, ist eine gereizte Achillessehne. Aber Diarra winkt nur ab und sagt: «Ich will und werde mich durchbeissen.»
Das werden sie beim FC Luzern gerne hören.