Gefunden im Forum des FC Baden. Kopiert aus der Aargauer-Zeitung:
Als Lausanne tanzte und ganz London sang
NOSTALGIE · Heute trauern nicht nur am Lac Léman viele mit Captain Richard Dürr und den «Königen der Nacht»
Lausanne-Sports soll es bald nicht mehr geben. Dabei hat LS den Fussball geprägt wie GC, Servette, YB, Lugano oder Basel. Kein anderes Team hat erlebt, was Lausanne vor fast 40 Jahren in London erfahren durfte: Standing Ovations für Sieger und Verlierer. Ganz London sang.
Alfred Staubesand
Ganz London sang. Ganz London? Nein, würde Asterix meinen. Und auch wir wissen, dass nicht alle dem Fussball nachrennen. Doch damals, im Mai 1965, herrschte im Londoner Stadtteil West Ham Freude pur. Mehrere zehntausend Zuschauer pilgerten nach dem Viertelfinal-Rückspiel im Cup der Cupsieger zwischen West Ham und Lausanne-Sports singend durch die Strassen: ein fröhlich singender Strom in die angehende Nacht, der sich langsam verästelte, bis jeder auf seinem Heimweg war, um - zu Hause angekommen - seinen Lieben zu erzählen, was er an diesem gewöhlichen Werktag hatte erleben dürfen.
Nach einer 1:2-Heimniederlage zwei Wochen zuvor auf der Pontaise verloren die Lausanner das Auswärtsspiel bei West Ham 3:4. Aus der süsse Traum von Halbfinal und Final. Ehre gebührt dem Sieger. Die Waadtländer wollten sich schon damit abfinden, dass sie den Schweizer Fussball ordentlich vertreten hatten. Es war ihnen gar nicht gewahr, was sie geboten hatten. Dem Publikum schon. Es waren mehr als Zuschauer, es waren Freunde des Fussballs, die die Leistungen ihrer Mannschaft genauso schätzten wie diejenige des Gegners.
Alle sieben Tore waren wie Geschenke fürs Publikum: Lausanne führte, der spätere Weltmeister (1966) Peters brachte nach der Pause West Ham erstmals in Front, Norbert Eschmann glich mit einem Fallrückzieher wieder aus, das Stadion war «aus dem Häuschen». Als Eschmann, der sich bei seiner spektakulären Aktion leicht verletzte und gepflegt werden musste, wieder ins Spiel eingreifen konnte, erhielt er nochmals so viel Beifall wie bei seinem Torschuss zuvor.
Das Spiel in West Ham war längst abgepfiffen. Die Lausanner hatten sich von den begeisterten Fussball-Freunden verabschiedet. Doch der Beifall endete nicht. Es war wie in der Oper: Dreimal musste Captain Richard Dürr seine Kollegen Grobety, Tacchella, Schneiter, Armbruster, Eschmann, Hertig, Hosp, Hunziker und Goalie Künzi nochmals von der Kabine in die Mitte des Rasenrechteckes führen: Standing Ovations für die Verlierer.
Ein Fussballfest, von Fairness getragen, wie es im Buche steht, wie es im bezahlten Sport der Neuzeit nie mehr vorkommen dürfte. Ein wahres Märchen. Der damalige Mittelstürmer Robi Hosp sagt noch heute: «Das Schönste, was ich im Fussball je erlebt habe.» Das ist es auch für Richard Dürr. Englands Fussball-Legende Billy Wright kannte damals Dürr noch nicht, er sagte als Zuschauer nur: «Die Nummer 6 von Lausanne könnte in jeder englischen Profi-Mannschaft Regie führen.»
West Ham gewann in der Folge mit den bekannten Internationalen Boby Moore, Peters, Hurst den Cupsieger-Final im mit 100 000 Besuchern besetzten Wembley gegen 1860 München (mit Goalie Radenkovic, Luttrop und Brunnenmeier) 2:0. Nach dem Abstieg der Hammers aus der Premier League letzten Sonntag werden sich die Nostalgiker des Juni 1965 erinnern.
Lausanne-Sports nannte man damals «die Könige der Nacht», weil sie vor allem unter Flutlicht zum Tanz aufspielten und den Ball zum Sieg rollen liessen. Es war ein harmonisches Gemisch von Romands und zugezogenen Deutschweizern, die Lausanner geworden und geblieben sind. Richard Dürr (von Brühl über YB), Robi Hosp (von Concordia Basel), Kurt Armbruster (von GC) und Kurt Hunziker (vom FC Aarau) leben noch heute in Lausanne environs, treffen sich im Bistro «Chez Richard» bei Dürr - und sind traurig.
«Ich bin konsterniert», sagt Dürr, «ich habe zehn Jahre lang für Lausanne-Sports gespielt, bin mit ihnen Schweizer Meister und Cupsieger geworden, bin seit 40 Jahren LS-Mitglied. Ich bin Lausanner, ich möchte nochmals helfen, ich habe Aktionen mitgetragen, sie haben nichts gebracht. In den letzten Jahren sind viele Fehler gemacht worden. Die Schuldigen jetzt anzuprangern ist nicht meine Sache. Es tut einfach weh. Der neue Präsident, Philippe Guignard, versucht alles, den Klub zu retten; er setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Was dem FC Aarau gelungen ist, soll bei uns keine Früchte tragen. Es ist traurig, dass es in einer Stadt wie Lausanne nicht mehr Support gibt.»
Wenn Dürr sagt, «ich ha kei Mumm me», hört und spürt man Resignation beim 65-jährigen Ehrenmitglied, der neben Lausanne-Sports auch Erstligist Stade Lausanne als Trainer (20 Jahre), TK-Chef und Präsident (3 Jahre) von seiner Zeit schenkte und die Eishockeyaner des HC Lausanne seit Jahren, nicht erst in der NLA, unterstützt: «Sie haben das ‹höllischste› Publikum, das ich je gesehen habe.»
Und Richard Dürr, der fast noch jeden Match im Stade Olympique beobachtet, weiss: «Es sind nicht die Zuschauer, die lieber Eishockey als Fussball sehen, die auf der Pontaise fehlen.» Es fehlt bei Lausanne-Sports an allen Ecken und Enden. Bei «Chez Richard» an der Avenue d’Ouchy ist das das Hauptgespräch, besonders wenn sich die «Cracks von damals» wie Kerkhoffs, Armbruster und Hunziker (Dürrs Bistro-Buchhalter) treffen.
Cupsieger 1964 Lausanne-Sports unter Trainer Karl Rappan. In hellen Leibchen, stehend, von links: Eschmann, Hertig, Armbruster, Hunziker, Goalie Künzi und Captain Richard Dürr; knieend: Hosp, Gottardi, Tacchella und Grobéty. asl
«Es sind nicht die Zuschauer, die lieber Eishockey als Fussball sehen, die auf der Pontaise fehlen»
LAUSANNE-SPORTS
Auch wenn der Konkurs noch nicht ausgesprochen ist und die Mannschaft die Klassierungsrunde in der Nationalliga B noch zu Ende spielt, steht fest: Den Traditionsverein Lausanne-Sports, siebenfacher Schweizer Meister und neunfacher Cupsieger, wird es künftig nicht mehr geben. Die Erinnerungen an LS aber sind unauslöschlich. (mz)

Sage nur: Das waren noch Zeiten