Re: ZÄME MEH ALS 52%!
Verfasst: 22. Dez 2022, 09:54
NZZ, 22.12.2022 hat geschrieben: Der Machtkampf zwischen dem FC Luzern und dessen Besitzer Bernhard Alpstaeg wird zum Wirtschaftskrimi
Der nächste Eklat im FC Luzern: Die Klubführung reicht gegen Alpstaeg wegen eines Aktien-Deals eine Strafanzeige ein. Doch auch der Klubbesitzer geht juristisch gegen die Chefetage vor. Die Tragödie in der Zentralschweiz bringt dubiose Vorgänge ans Tageslicht.
Peter B. Birrer
Der FC St. Gallen ist stolz darauf, wie geschlossen sein Führungssystem ist, wie wenig bis nichts nach aussen dringt. Die Verwaltungsräte dürfen sich auf die Schultern klopfen. Gut gemacht. Und sie können als Gegenentwurf den lokal verankerten FC Luzern vorbringen, der so gern auf den Spuren der Ostschweizer Eintracht wandeln möchte.
Kann er aber nicht, weil er sich mittlerweile in einem «Wirtschafts-Krimi» wiederfindet. So wird das, was sich rund um den FC Luzern seit Wochen rankt und zankt, mittlerweile benannt. Der anhaltende Machtkampf ist so gross geworden, dass fast nichts mehr auszuschliessen ist.
Der jüngste Akt wurde am Mittwochabend geschrieben, an der Generalversammlung der Holding des FC Luzern, die in einen Eklat und in neuerliche Schuldzuweisungen mündete. Eigentlich wollte der Klubbesitzer Bernhard Alpstaeg den Verwaltungsrat absetzen. Doch da der Klub wegen eines früheren Aktienhandels Strafanzeige gegen Alpstaeg eingereicht und die Hälfte seines Anteils aus dem Aktienbuch gestrichen hatte, verlor dieser seine Mehrheit. Der Verwaltungsrat der Holding mit Präsident Stefan Wolf und dem Vizepräsidenten Josef Bieri blieben daher im Amt.
Alpstaeg beziffert die Verluste bis 2025 mit über 30 Millionen
Unmittelbar danach fuhr Alpstaeg schweres Geschütz auf. Im von der Kommunikationsagentur des Zürchers Sacha Wigdorovits verfassten Communiqué bezichtigt er die Klubführung der «gravierenden Misswirtschaft» und des «reines Schmierentheaters». Zudem kündigt Alpstaeg an, die Klubführung wegen deren «Winkelzüge» an der GV einzuklagen.
Dazu malt er das «drohende Ende» des FC Luzern mit Zahlen an die Wand: 7,1 Millionen Franken Verlust in dieser Saison, 13,6 und 12,1 in den nächstfolgenden Jahren, was nach Adam Riese 32,8 Millionen ergibt. Dies habe der Verwaltungsrat laut Alpstaeg bekanntgegeben, «dem kann ich als grösster Aktionär und Fan des FCL nicht tatenlos zusehen».
Strafanzeige hier, Strafanzeige da: Der FC Luzern zerstückelt sich derzeit gleich selbst, sozusagen unter dem Weihnachtsbaum. Die Juristen reiben sich derweil die Hände.
In der Not erschallen Hilfeschreie der Beteiligten, die durch verschiedene Kanäle in die Öffentlichkeit getragen werden. Da ist auch die Instrumentalisierung nicht weit weg. Solches hatte auch der FC St. Gallen erlebt, in der Ära vor dem Präsidenten Matthias Hüppi, vor 2018, als sich im Klub eine Gruppe ausgebreitet hatte, die den früheren Präsidenten und Geldgeber Dölf Früh auszunehmen versuchte.
Das Wehleiden des FC Luzern dauert genau genommen schon über ein Jahrzehnt. Je länger die Krise dauert, desto tiefer geht sie, zumal immer mehr Details und Ungereimtheiten über klandestine Transaktionen, obskure Beteiligungen und personelle Verstrickungen ans Tageslicht gelangen. Fussballgeschäft, eben.
Der Weg des FC Luzern ist voller Dornen
Der FC Luzern zieht 2011 in sein neues Stadion ein. Die Arena wird hinterher zum Ursprung der Zerrüttung, obschon sie eigentlich für pures Glück stehen müsste. So viel lässt sich Ende 2022 festhalten.
Der FC Luzern reibt sich am Mehrheitsaktionär Bernhard Alpstaeg, am Patron des Swisspor-Unternehmens, dessen Namen das Fussballstadion trägt. Alpstaeg ist ein Machtmensch, der im Fussball das erhält, was ihm als Unternehmer in der Dämmtechnik verwehrt bleibt: Aufmerksamkeit. Alpstaeg ist eine Führungsperson alter Schule, welche die Macht im Klub und im Stadion hält. Ihm gehört im Luzerner Fussball alles. Auch die «Wirtschaft zum Schützenhaus» neben dem Stadion.
Er habe sich die Mehrheit im Klub und im Stadion schlau erworben, sagen die wenigen, die ihn stützen. Er habe sich die Macht erschlichen, Mitstreiter in die Irre geführt und sich rechtlich im Graubereich bewegt, halten dem zahlreiche Kritiker entgegen.
In einem «Adventsblog» rollt die Anti-Alpstaeg-Volksbewegung «zäme meh als 52%» das Luzerner Verhängnis auf, in einer Art Adventskalender. Tag für Tag, an Weihnachten ist Schluss. Teilweise werden hinter den einzelnen Türchen in einer ruhigen und nicht polemischen Tonalität Zusammenhänge beschrieben und Dokumente vorgelegt, dass einem hinterher die Augen brennen und dazu die Ohren wackeln. Da sind bestens dokumentierte Insider am Werk.
«Die Eiterbeule ist geplatzt. Sie stinkt und ist nicht schön zum Anschauen», sagt eine Person, die tiefen Einblick in die Dossiers hat.
Walter Stierli und Alpstaeg verketten sich
Der frühere Klubpräsident Walter Stierli und Alpstaeg haben erhebliche Verdienste in der Realisierung des neuen Stadions. Stierli brachte seinerzeit Leute zusammen, holte Aktionäre an Bord und trieb Kapital auf. Wie viel von wem ist nicht ausgewiesen. Alpstaeg erwarb die Namensrechte des Stadions. Laut dem «Adventsblog» nicht für eine Million pro Jahr, sondern für eine halbe Million, die zweckgebunden in den Werterhalt der Immobilie fliessen musste.
Stierli verkettete sich mit Alpstaeg und drehte mit ihm hinten herum Dinge, an deren Ende Stierli ausschied und Alpstaeg zur Mehrheit gelangte. Nicht nur im Klub, sondern auch im Stadion.
Der FC Luzern ist kleinräumig und ein ideales Terrain für Interessenkollisionen. Den umstrittenen Aktien-Transfer von Stierli in Richtung Alpstaeg wickelte das Advokaturbüro Studhalter ab, sesshaft an der Strandstrasse in Luzern, nahe dem Vierwaldstättersee.
Philipp Studhalter trug im FC Luzern diverse Hüte
Philipp Studhalter ist heute Präsident der Swiss Football League. 2015 wurde er in Luzern der Nachfolger Stierlis. Der Anwalt war zu jener Zeit Verwaltungsratspräsident der Holding, bald darauf sozusagen CEO des FC Luzern und dazu stets juristischer Berater Bernhard Alpstaegs. Studhalter vertrat den Klub und gleichzeitig den Geldgeber. Der Anwalt verhalf Alpstaeg zu den erhofften Mehrheiten – zuerst im FC Luzern und später im Stadion. Heute schweigt Studhalter dazu.
Sein Bruder Alexander ist im Zusammenhang mit russischer Klientel ins Gerede gekommen, wobei die Rolle des Liga-Präsidenten in dieser Causa unklar bleibt. Der Vater Studhalter ist Alpstaeg-nahe und übte offenbar via Alpstaeg Druck aus, als sein Sohn Ende 2021 Präsident der Swiss Football League werden wollte. Der FC Luzern unterstützte zunächst seinen früheren Chef nicht, weil der Klub bei der fälligen «Luzerner Wahl Studhalter» seinen Sitz und damit den direkten Einfluss im Komitee nicht verlieren wollte. Doch Alpstaeg setzte sich durch.
Das war der Anfang von Druckversuchen des Patrons, der «Start einer Kaskade», wie es heisst. Er verlangte die Absetzung des Sportchefs Remo Meyer, er versuchte, sich am jungen Spieler Ardon Jashari zu beteiligen; er forderte öffentlich im «Blick» die Absetzung der ganzen Führungsriege.
Der FC Luzern wird vom Verhängnis Alpstaeg gebeutelt, von einem Ego-Zirkus, der vieles überschattet. Aber der FC Luzern bietet auch die Geschichte des vielen Geldes, der Millionen, die im Schweizer Klubfussball immer wieder eingeschossen werden müssen.
Alpstaeg erhielt am Anfang Aktien für 0 Franken
Das erste Aktienpaket (26 Prozent) wird Alpstaeg seinerzeit geschenkt. Überhaupt ist seltsam, wer über die Jahre wann zu welchem Preis wie viele Aktien des FC Luzern erhält. Mit dem Einstieg neuer Aktionäre wird in zweistelliger Millionenhöhe Geld beschafft, Geld, das danach wieder zerrinnt. Als sich Stierli 2018 zurückzieht, verkauft er seinen Anteil – an den anderen Aktionären vorbei – an Alpstaeg (0,5 Millionen für 25 Prozent), der damit die Mehrheit erlangt.
Stierli stellt dem Klub dazu eine «Rückforderung» in Rechnung (0,4 Millionen) und möchte im Stadion als Ehrenpräsident vier Plätze «auf Lebzeiten».
Das Papier hat die Anwaltskanzlei Studhalter verfasst. Vermerkt ist explizit, dass den Medien nur das Faktum des Stierli-Abgangs, nicht aber Geldbeträge kommuniziert werden dürfen. Als gäbe es etwas zu verbergen. Als 2015 nach diversen im Raum stehenden Ungereimtheiten eine externe Buchprüfung initiiert wurde, kam diese zumindest zum Schluss, dass Geldflüsse «nicht im Sinne der gleichberechtigten Investoren zu werten» seien. Das ist der Hintergrund des jahrelangen Streits im Luzerner Aktionariat. Stierli mit Alpstaeg und Studhalter hier, die übrigen Geldgeber da.
Wer sich durch die Akten des FC Luzern pflügt, stösst auf sonderbare Gesellschaften, Beteiligungen sowie eigenartige An- und Verkäufe. Teilweise werden mit neuen Gesellschaften dahinterstehende Namen kaschiert, teilweise ist der tiefere Sinn der Geldflüsse erst nach der vierten Konsultation ersichtlich. Auf jeden Fall steht fest: Da stank und stinkt einiges.
Der Wutanfall von Alex Frei
Schweizer Fussball bedeutet Geldbedarf, aber auch stete Hoffnung auf Geld aus Spielertransfers. Plötzlich sass in Luzern nicht nur Studhalter mit mehreren Hüten am Verhandlungstisch, sondern auch andere Protagonisten. Die Kernfrage ist nicht nur für Alpstaeg, was jeweils dem FC Luzern diente – und was persönlichen Interessen. Der FC Luzern ist ein Fall für den Psychologen. Und für die Justiz.
Ende 2014 verliess der Sportchef Alex Frei den FC Luzern. Es war ein unrühmlicher Abgang, er zerbrach an der Aufgabe und an den Intrigen im Klub, den er in einem Wutanfall hinter verschlossenen Türen als «Schlangennest» bezeichnete. Zum Abschied sagte er intern: «Ihr habt in Luzern alles, um im Schweizer Fussball zur dritten Kraft zu werden. Aber das passiert nie, nie, nie, solange Stierli und Alpstaeg im Boot sitzen.»



