© Die Weltwoche; 03.05.2007; Nummer 18; Seite 52
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Status des Helden
Als Spieler galt er als «Stinkstiefel» oder als «Giftwolke». In seiner ersten Saison als Trainer steht Ciriaco Sforza mit Luzern im Cup-Final. Seine angebliche Charakterschwäche ist seine Stärke.
«Wir sind alles Aufsteigerjungs», skandierten die Luzerner Fans am Ende der vergangenen Saison, als ihr FCL nach drei Jahren im Jammertal des Provinzfussballs, neudeutsch Challenge League genannt, endlich wieder in die höchste Spielklasse aufstieg. Der holländische Trainer René van Eck durfte auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken: Sein Team hatte 31 Partien nacheinander nicht verloren und insgesamt nur drei Niederlagen kassiert. Trotzdem wurde van Eck entlassen und durch Trainerneuling Ciriaco Sforza ersetzt eine Massnahme, die beim Luzerner Anhang auf wenig Verständnis stiess. Mittlerweile hat Sforza in der Zentralschweiz den Status eines Helden erlangt. Die Luzerner stehen im Cup-Final gegen den FC Basel, und bereits sechs Runden vor Ende der Meisterschaft scheint der Ligaerhalt gesichert. Der 37-Jährige ist der Traineraufsteiger des Jahres.
Die Frage ist, ob Sforza in Luzern bleibt. Er wird mit dem Grasshopper-Club Zürich in Verbindung gebracht und mit dem 1. FC Kaiserslautern, bei dem er auf der Wunschliste ganz oben stehen soll. Für die Fans der «roten Teufel» ist der Fall klar: Sforza ist ihr Fussballgott und muss zurück auf den Betzenberg. «Ciri, erlöse uns von unseren Qualen und bringe deinen FCK dahin zurück, wo er hingehört», schreibt einer im Forum von Sforzas Homepage.
Der Neuling hat in wenigen Monaten angedeutet, dass er das Zeug zu einem grossen Trainer hat. Jüngster Beleg: der Auswärtssieg im Cup-Halbfinal beim Schweizer Meister FC Zürich. Der Triumph des Underdogs, der in letzter Sekunde das entscheidende Tor zum 3:2 schoss, wurde vom Blick als «Sensation» bejubelt, aber vom lokalen Tages-Anzeiger wie vom Reporter des Schweizer Fernsehens griesgrämig kommentiert. Die Zürcher hatten trotz mehr Spielanteilen und ausgefeilter Technik dem vermeintlich inferioren Gast taktisch nichts entgegenzusetzen. Sforza gewann das Duell an der Seitenlinie gegen Meistertrainer Lucien Favre. Sein Konzept ging am Ende mit ein wenig Glück perfekt auf: gut stehen, die Räume eng machen, damit Zürich nicht sein Spiel aufziehen konnte und dann bei den sich bietenden Gelegenheiten «dort hineinstossen, wo es dem Gegner weh tut». Diese Devise haben Sforzas Spieler mit bemerkenswerter Disziplin umgesetzt.
Die heisse Phase der Partie begann in der 72. Minute, als Cesar die Zürcher durch einen Elfmeter 2:1 in Führung brachte. Während Favre bis zum bitteren Ende darauf verzichtete, frische Kräfte einzuwechseln, reagierte Sforza nach dem Rückstand seines Teams sofort. Er brachte die Stürmer Makanaki und Mauro Lustrinelli, der bei seinem ersten Ballkontakt zum 2:2-Ausgleich traf. Dass Lustrinelli derart schnell agierte, war kein Zufall. Sforza liess ihn schon nach einer Viertelstunde warmlaufen. Weil beide in den vergangenen zehn Tagen wegen Verletzungen nicht mit der Mannschaft trainieren konnten, wollte sie der Trainer «in Bewegung und hellwach halten». Es sei sein Ziel gewesen, «dass die beiden innert Sekunden bereit waren einzugreifen, auch vom Kopf her».
Samstagmorgen, 36 Stunden nach dem Triumph in Zürich, auf der Luzerner Allmend. Neben drei zwölfjährigen Mädchen schaut ein älterer Herr dem Training zu. Sforza führt eine Gruppe von sieben Spielern, sein Assistent eine zweite. Man übt das Kurzpassspiel und Kopfbälle. Der Trainer spricht ruhig, aber bestimmt, auf Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Italienisch und Spanisch. «Kommt gut, Jungs», «Konzentration», «Ruhe, Ruhe ist immer gut», dann treibt er sie wieder an: «Chömid, Jungs, chömid.» Zum Abschluss spielen sieben gegen sieben. «Der Verlierer räumt auf», heisst es, wie früher bei den Junioren. Rot gewinnt 6:5 gegen Blau, Mauro Lustrinelli schiesst vier der sechs Tore. Goalie David Zibung flucht bei jedem Gegentreffer, macht aber auch Witze. «Bist du neu? Wie heisst du?», fragt er Claudio Lustenberger, der sich die Haare geschnitten hat.
Sforza strahlt eine natürliche Autorität aus. Mario Cantaluppi, bis im letzten Sommer Captain beim Bundesligisten 1. FC Nürnberg, spricht paradoxerweise von Sforzas «Erfahrung». Der Neuling sei «überhaupt nicht wie ein Anfänger» aufgetreten und habe stets die Ruhe bewahrt. «Er muss niemandem etwas beweisen, er weiss, wie gut er ist.» Wen man auch fragt Cantaluppi, den kamerunischen Stürmer Jean Michel Tchouga oder Youngster Fabian Lustenberger , die Spieler loben einhellig den psychologischen Umgang des Trainers mit ihnen. Vor allem mit den Jungen, die er rasch ins Team integrierte und auf Super-League-Niveau brachte, pflegt Sforza intensiven Austausch. Mit Lustenberger etwa spricht er nach jedem Spiel persönlich.
Für manche Beobachter kommt Sforzas souveräner Start in die Trainerkarriere überraschend, trotz seinen Erfolgen als Mittelfeldregisseur in der Bundesliga und der Schweizer Nationalmannschaft. Viele haben ihn als intriganten Unruhestifter in Erinnerung, der sich mit seinen Vorgesetzten anlegte. Karl-Heinz Rummenigge nannte Sforza einen «Stinkstiefel», der Lauterer Vorstandsvorsitzende Jürgen Friedrich eine «Giftwolke», und Trainer Otto Rehhagel soll gesagt haben, dass er sich nie in einem Menschen so getäuscht habe wie in Sforza.
Ehrgeiz und Winner-Mentalität
Wie passen der alte und der neue Sforza zusammen? «Zu sagen, ich sei jemand völlig anderer geworden, ist Quatsch», sagt er und hat vermutlich recht damit. Viel eher trifft es zu, dass Sforza schon immer wie ein Trainer gedacht und sich nicht gescheut hat, seine Meinung kundzutun. Das führte zu Spannungen; jetzt, wo Sforza sein eigener Chef ist, erweist es sich als Vorteil. Sforzas Frühreife als Trainer beruht auf Fähigkeiten, die er zu einem Grossteil bereits als aktiver Fussballer erprobte: Er kann, wie man sagt, das Spiel lesen, er hat ein ausgeprägtes taktisches Verständnis. Ebenfalls schon in seiner Spielerkarriere konnte er sein Selbstvertrauen, seinen Ehrgeiz und seine Winner-Mentalität aufbauen. Bevor er in Luzern unterschrieb, sagte er dem Vorstand: «Ihr müsst Geduld und Vertrauen haben. Trainer bin ich. Was sportlich in der ersten Mannschaft passiert, ist mein Entscheid.» Offenbar hat sich die Vereinsleitung daran gehalten. Sforza gibt den Ton an. Als der Klubpräsident übers Wochenende ein «Statement» des Trainers zu seinem Verbleib beim FCL forderte, sagte Sforza in der Lokalpresse, er lasse sich «doch nicht die Pistole auf die Brust setzen».
Bis Ende Mai muss er sich entscheiden, doch es ist klar, dass Sforzas Ehrgeiz über den kleinen FC Luzern hinausgeht. «Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich als Trainer nicht die gleichen Ziele verfolge wie als Spieler, nämlich so viele Titel und Erfolge wie möglich zu erreichen.» Sforza wurde einmal Schweizer Meister (1991 mit GC), zweimal deutscher Meister (mit Kaiserslautern 1998 und Bayern München 2001), er gewann mit den Bayern den Ligapokal (2000), den Uefa-Cup (1996), die Champions League und den Weltpokal (beide 2001).
Als Sforza 1997 zum zweiten Mal zum FCK wechselte, liess er sich in seinem Vertrag eine Meisterprämie festschreiben. Die Mannschaft war damals eben in die Erste Bundesliga aufgestiegen. Am Ende der Saison stand sie zuoberst in der Tabelle. In Luzern hielt es der Trainerneuling nicht anders: Bereits für das Erreichen des Cup-Finals lässt er sich finanziell belohnen. Wenn nicht alles täuscht, wird es nicht die letzte Erfolgsprämie in der Trainerkarriere des Ciriaco Sforza gewesen sein.