Nichts gelernt - also lernen WIR daraus!
Verfasst: 25. Mär 2003, 11:04
Gestern ist der nachfolgende Artikel in der NZZ zu lesen gewesen. Ich stelle ihn hier rein, um all jenen, die NUR nach Geld und schnellem Erfolg schreien, denen Geduld ein Fremdwort zu sein scheint, die nur immer nach grossen Namen Ausschau halten, einen kleinen Denkanstoss zu geben! Ich finde den Artikel mehr als nur interessant, die Aussage ist geradezu wegweisend!
Schöne Tag allersits!
Inside, Offside (Quelle: NZZ vom 24.3.2002)
Nichts gelernt
Der Mann engagiert sich seit 24 Jahren für den FC Sion. Zuerst als Spieler, später als Assistenz- und Nachwuchstrainer. Einen Namen schaffte er sich aber als zuverlässiger «Notnagel». Denn immer wenn ein Trainer mit Schimpf und Schande vom Stade de Tourbillon gejagt wurde oder ein heilloses Schlamassel den Verein in den Grundfesten erschütterte (was beides oft der Fall war), erinnerte man sich seiner - und wusste fortan das Team in guten Händen. In der Rolle des stillen Helfers trug Jean-Claude Richard - von ihm ist hier die Rede - beispielsweise 1994 dazu bei, im Uefa-Cup den hohen Favoriten Olympique Marseille aus dem Wettbewerb zu werfen. Im Gedächtnis haften bleibt ebenfalls der Sieg in einem der spannendsten und gehaltvollsten Cup-Finals - der 4:2-Erfolg gegen die Grasshoppers.
Richards Sachverstand war auch im vergangenen Sommer nach der Zwangsrelegation Sittens gefragt. Damals, als der Klub wieder einmal am Boden lag und der Präsident sowie die besten (und teuersten) Spieler das Wallis verlassen hatten. In geduldiger Kleinarbeit und mit vorzüglichem Blick für das Mögliche festigte er in kleinen Schritten und mit viel Gespür eine Gruppe junger Erstligaspieler (zusammen mit zwei, drei Routiniers) zu einer Mannschaft, die in der Nationalliga B eine gewichtige Rolle zu spielen verstand. Dass dieses (sehr billige) Team am Schluss der Qualifikation gar den 2. Rang erreichte, grenzte fast an ein Wunder. Hier war etwas am Wachsen, das Freude bereitete und für die Zukunft einiges versprach. Der FC Sion war wieder auf dem besten Weg, zur identitätsstiftenden Instanz eines zweisprachigen Kantons zu werden. Was den Ethnologen Thomas Antonietti einst zur Aussage verleitet hatte: «Der Fussball ersetzt hier zunehmend die Funktion der Sprache.»
Doch vor einigen Wochen kehrte Christian Constantin zurück, der Mann, der den Klub vor nicht allzu langer Zeit in den Ruin getrieben hatte. Mit ihm kamen sieben neue Spieler (vorwiegend Ausländer), und damit hatte die gesamte, von viel Umsicht geprägte Aufbauarbeit ein Ende. Es war plötzlich von der Annäherung des FC Sion an die Spitzenklubs des Landes die Rede - man konnte ob des Geschwafels nur den Kopf schütteln. Trainer Richard schüttelte nicht den Kopf, sondern sagte Constantin unverblümt die Meinung. Zumal das frische Personal in kurzen Hosen keinen Deut besser war als die vorhandenen Talente und der Ausbildner die Auflage hatte, die Zuzüge im Team zu integrieren - und zwar subito! Richard büsste für seine Offenheit und wurde aller Funktionen enthoben. Also alles wie gehabt: Im FC Sion hat man offensichtlich nichts, aber auch gar nichts dazugelernt.
Rolf Wesbonk
Schöne Tag allersits!
Inside, Offside (Quelle: NZZ vom 24.3.2002)
Nichts gelernt
Der Mann engagiert sich seit 24 Jahren für den FC Sion. Zuerst als Spieler, später als Assistenz- und Nachwuchstrainer. Einen Namen schaffte er sich aber als zuverlässiger «Notnagel». Denn immer wenn ein Trainer mit Schimpf und Schande vom Stade de Tourbillon gejagt wurde oder ein heilloses Schlamassel den Verein in den Grundfesten erschütterte (was beides oft der Fall war), erinnerte man sich seiner - und wusste fortan das Team in guten Händen. In der Rolle des stillen Helfers trug Jean-Claude Richard - von ihm ist hier die Rede - beispielsweise 1994 dazu bei, im Uefa-Cup den hohen Favoriten Olympique Marseille aus dem Wettbewerb zu werfen. Im Gedächtnis haften bleibt ebenfalls der Sieg in einem der spannendsten und gehaltvollsten Cup-Finals - der 4:2-Erfolg gegen die Grasshoppers.
Richards Sachverstand war auch im vergangenen Sommer nach der Zwangsrelegation Sittens gefragt. Damals, als der Klub wieder einmal am Boden lag und der Präsident sowie die besten (und teuersten) Spieler das Wallis verlassen hatten. In geduldiger Kleinarbeit und mit vorzüglichem Blick für das Mögliche festigte er in kleinen Schritten und mit viel Gespür eine Gruppe junger Erstligaspieler (zusammen mit zwei, drei Routiniers) zu einer Mannschaft, die in der Nationalliga B eine gewichtige Rolle zu spielen verstand. Dass dieses (sehr billige) Team am Schluss der Qualifikation gar den 2. Rang erreichte, grenzte fast an ein Wunder. Hier war etwas am Wachsen, das Freude bereitete und für die Zukunft einiges versprach. Der FC Sion war wieder auf dem besten Weg, zur identitätsstiftenden Instanz eines zweisprachigen Kantons zu werden. Was den Ethnologen Thomas Antonietti einst zur Aussage verleitet hatte: «Der Fussball ersetzt hier zunehmend die Funktion der Sprache.»
Doch vor einigen Wochen kehrte Christian Constantin zurück, der Mann, der den Klub vor nicht allzu langer Zeit in den Ruin getrieben hatte. Mit ihm kamen sieben neue Spieler (vorwiegend Ausländer), und damit hatte die gesamte, von viel Umsicht geprägte Aufbauarbeit ein Ende. Es war plötzlich von der Annäherung des FC Sion an die Spitzenklubs des Landes die Rede - man konnte ob des Geschwafels nur den Kopf schütteln. Trainer Richard schüttelte nicht den Kopf, sondern sagte Constantin unverblümt die Meinung. Zumal das frische Personal in kurzen Hosen keinen Deut besser war als die vorhandenen Talente und der Ausbildner die Auflage hatte, die Zuzüge im Team zu integrieren - und zwar subito! Richard büsste für seine Offenheit und wurde aller Funktionen enthoben. Also alles wie gehabt: Im FC Sion hat man offensichtlich nichts, aber auch gar nichts dazugelernt.
Rolf Wesbonk