Heutige SonntagsZeitung
Drei Tage Schüler, vier Tage Trainer
Für Ciriaco Sforza beginnt mit Luzern heute gegen den FC Sion ein neuer Abschnitt
LUZERN Morgen Montag fliegt er wieder, die Destination ist die gleiche wie letzte Woche und wie die in den Monaten bis Juni. Ciriaco Sforza fliegt nach Köln, fährt hinaus nach Müngersdorf und ist bis Mittwoch wieder Schüler an der deutschen Sporthochschule. Er ist einer von 26, die ihre Spielerkarriere hinter sich haben und nun «staatlich anerkannte Fussball-Lehrer» werden möchten. Ein Mario Basler ist dabei, ein Ingo Anderbrügge, ein Michael Rummenigge, aber er, Sforza, ist der Einzige, der jetzt schon eine Mannschaft hat. Vom Schweizerischen Fussballverband bekam er die Erlaubnis, beim FC Luzern einzusteigen, allerdings nur unter der Auflage, den nächstmöglichen Uefa Pro-Lizenz-Kurs zu belegen.
Also ist der 36-Jährige seit neustem zu 50 Prozent Ferncoach der Luzerner. Sforza sagt: «Kein Problem, es ist alles eine Frage der Organisation.» Er lässt sich von seinem Assistenten Salvatore Romano und Roberto Böckli, dem Leiter der Nachwuchsabteilung, vertreten. Immerhin darf er im Gegensatz zu den anderen Aspiranten nach drei Tagen wieder zurück zu seiner Mannschaft.
Mit Lustrinelli und Seoane ist mehr Substanz vorhanden
Sforza zieht beim FC Luzern auch aus der Ferne die Fäden, und er hat für die Verantwortlichen in der ersten Saisonhälfte Arbeit abgeliefert, die sie ermutigte, die Wünsche des Trainers mehr oder weniger ausnahmslos zu erfüllen. Das bezieht sich auch auf das Personal. Am Ende der Vorrunde sah Sforza das Ende der Phase eins gekommen und proklamierte die Fortsetzung der Meisterschaft als Stufe zwei. Er wollte neue Spieler, er wollte vor allem Qualität, «weil wir sonst nicht weiterkommen». Er bekam Mauro Lustrinelli, der immerhin elf Länderspiele bestritten und das persönliche Ziel ausgegeben hat, 2008 im Nationalteam eine Hauptrolle spielen zu wollen. Er bekam Gerardo Seoane, der das Mittelfeldzentrum neben Mario Cantaluppi stabilisieren soll. Und er bekam Makanaki, einen Brasilianer, für die rechte Mittelfeldseite. Für die Verpflichtungen ging der Verein an seine Grenzen. Für Präsident Walter Stierli ist es «ein gewisses Unternehmerrisiko, aber absolut vertretbar». Der Trainer hat jetzt, was er wollte. Er sagt: «Die Mannschaft kommt meinen Vorstellungen sehr nahe.» Dass vom FCL mit qualitativ deutlich verbessertem Kader erwartet wird, dass es im Kampf gegen den Abstieg keine Turbulenzen geben darf, stört den Trainer nicht im Ansatz. «Schön», fällt ihm dazu ein. «Verständlich », sagt Goalie David Zibung, «die Ziele dürfen durchaus nach oben korrigiert werden. Wir sind mit Lustrinelli vorne unberechenbarer, mit Seoane haben wir auch defensiv an Stärke hinzugewonnen.» Der Ligaerhalt ist mittlerweile Pflicht. Und mit Blick auf die nächste Saison kann sich Lustrinelli sogar vorstellen, «dass wir um einen Uefa-Cup-Platz mitspielen».
Sforza hat in der Winterpause die Hierarchie innerhalb der Mannschaft neu sortiert. Jean-Michel Tchouga ist nicht mehr der Captain, sondern Zibung. Er hält das auf dem Platz für die geschicktere Lösung. Stellvertreter ist nicht mehr Mario Cantaluppi, sondern Mauro Lustrinelli.
Mario Basler gastiert für ein Praktikum auf der Allmend
Was immer sich im Winter in Luzern auch tat, Sforza betrachtet alles als zukunftsorientierte Vorgänge. Seinen Vertrag hat er vorzeitig bis Juni 2008 verlängert, weil er betont: «Ich will hier noch viel erreichen.» Zuerst gilt es aber im Abstiegskampf zu bestehen. Und mittendrin könnte es auf der Allmend ganz lustig werden: Ende März schaut Mario Basler vorbei. Als Praktikant von Sforza im Rahmen seiner Trainerausbildung.
PETER M. BIRRER