Interview mit Olivier Biaggi
Verfasst: 7. Mär 2003, 09:26
Fussball, Auf-/Abstiegsrunde NLA/NLB: FC Luzern - FC Aarau (Sa 19.30, Allmend)
Kampf gegen die Kritik an der Abwehr
Olivier Biaggi ist kein Künstler, sondern ein Arbeiter der rustikalsten Sorte. Im Abstiegskampf soll er für den FC Luzern erstmals morgen gegen den FC Aarau eingreifen - trotz Handicap…
«Ich habe mich früher oft genervt, wenn ich Biaggi zugesehen habe. Mit seiner kompromisslosen Art hat er unseren Stürmern immer das Leben schwer gemacht.»
FCL-Trainer Hans-Peter Zaugg über seinen neuen Verteidiger
Olivier Biaggi
Das ist er also, dieser Biaggi, Olivier mit Vornamen, ein breitschultriger Kerl mit langen Haaren und Fussballer mit wenig schmeichelhaftem Ruf. Er ist unzimperlich, kompromisslos, hart oder, um es in der verächtlichen Sprache seiner Kritiker zu sagen: ein Raubein, ein Grobian, ja ein Rüpel.
Biaggi kommt mit dem Image gut durch den Profi-Alltag. Und wenn er gefragt wird, ob er nachvollziehen könne, dass Stürmer vor ihm Angst hätten, antwortet er: «Ich hoffe, dass das so ist. Wenn der Gegner Angst hat, verliert er schnell ein paar Prozente seines Leistungsvermögens.» Für ihn ist ein Grundsatz, seine Rolle so zu interpretieren, «dass für die Stürmer sofort klar ist: Wir sind die Chefs, wir, die Abwehrspieler.»
Sturmpartner von Brigger
Wenn Olivier Biaggi die Erfolge seiner 14-jährigen Profi-Laufbahn aufzuzählen beginnt, steht an vorderster Stelle der zweifache Titelgewinn mit Sion 1992 und 1997 vor den Cupsiegen 1991 und 1997. Das Wallis ist die Heimat von Biaggi, der einst mit Jean-Paul Brigger ein Sturmduo und später ein Verteidigerpaar bildete. Geboren wurde der 32-Jährige aber in St. Gallen. Sein Vater Jean-Paul war Torhüter im Espenmoos und wurde mit den Ostschweizern 1969 Cupsieger. Olivier Biaggis erster Verein war der FC Sion, er war auch der letzte vor dem Wechsel nach Luzern. Dazwischen war Biaggi in Lausanne, bei Servette, in Yverdon und schliesslich in Lugano. Und wo immer er seiner Arbeit nachging, verzichtete er darauf, den Künstler zu mimen. Er sagt: «Man soll tun, was man kann.» Seine Vorzüge sind die Furcht- und Kompromisslosigkeit.
Seit neustem ist der FC Luzern sein Arbeitgeber, und das soll vorerst bis Sommer so bleiben. Auf Empfehlung von Dario Rota, Biaggis einstigem Weggefährten (die beiden waren in Lugano ein gefürchtetes Duo), kontaktierte FCL-Sportchef Raffaele Natale den Verteidiger, dessen Vertrag in Sion Ende Dezember ausgelaufen war. In Kürze waren die Formalitäten erledigt, der Transfer perfekt, und bei seinem Arbeitsantritt bekam Biaggi den Auftrag, die Abwehr zu stabilisieren (was nicht erst seit dem 2:4 in St. Gallen dringend notwendig ist). Für sich selber hat er umgehend das ehrgeizige Ziel formuliert: «In drei Wochen soll nicht mehr über die Abwehr und die gemachten Fehler geredet werden, sondern über unsere Offensive und die erzielten Tore.»
Handicapiert, aber bereit
Morgen will Biaggi erstmals eingreifen, wenn es gegen Aarau geht. Dem Samstag fiebert er entgegen und will darum nichts mehr wissen von seiner Muskelverletzung. Teamarzt Konrad Birrer vertraut der Erfahrung des Spielers: «Er ist alt genug, um die Lage richtig einzuschätzen. Ich gehe davon aus, dass er spielt.»
Wen Biaggi in der Verteidigung neben sich hat, ist sekundär, «ich möchte einfach, dass die Abwehr eine Einheit wird. Wenn sie es ist, habe ich meine Arbeit gut erledigt.» Dass es einiges zu erledigen gibt, weiss Biaggi seit dem Studium des Auftaktspiels in der Ostschweiz sehr wohl: «Es kann nicht sein, dass wir in jedem Spiel fünf Tore brauchen, um zu gewinnen.»
Warum Biaggi Deutsch redet
Wie es ab Sommer mit Biaggi weitergeht, ist ungewiss. Vielleicht meldet sich wieder mal - wie kürzlich erlebt - ein Agent aus China oder Russland oder Frankreich oder Belgien. Für Mitte April ist zuerst ein Gespräch mit der Luzerner Vereinsleitung vereinbart. Bis dann wird tendenziell abzusehen sein, wohin es den FC Luzern verschlägt. Aber vorderhand ist Biaggi mit seiner Verlobten Lara in der Zentralschweiz und in der Stadt, die für ihn «wie Sion am See» ist. Und weil rasche Integration für ihn wichtig ist, kramt er das Deutsch hervor, das er als Jugendlicher an der Handelsschule gelernt hat. «Die Leute in Luzern reden Deutsch», sagt er, «also ist für mich klar, dass ich mir Mühe geben muss, auch Deutsch zu reden.»
«Hart ist es immer»
Biaggi, ein zuvorkommender und freundlicher Mensch, hat gelernt, dass es gescheiter ist, keine Zukunftspläne mehr zu machen. «Im Fussball», pflegt er zu sagen, «kann man nichts voraussagen.» Es sei denn, es gehe um die Hochrechnung im Kampf gegen den Abstieg. «Acht Siege brauchen wir, dazu zwei, drei Unentschieden, dann schaffen wir es», rechnet Biaggi vor.
Die bevorstehenden Wochen sind hart. Aber wie sagt der Neue doch? «Hart ist dieses Geschäft immer. Das ist kein Problem.» Es scheint fast, als wäre die Situation des FCL auf ihn zugeschnitten.
Kampf gegen die Kritik an der Abwehr
Olivier Biaggi ist kein Künstler, sondern ein Arbeiter der rustikalsten Sorte. Im Abstiegskampf soll er für den FC Luzern erstmals morgen gegen den FC Aarau eingreifen - trotz Handicap…
«Ich habe mich früher oft genervt, wenn ich Biaggi zugesehen habe. Mit seiner kompromisslosen Art hat er unseren Stürmern immer das Leben schwer gemacht.»
FCL-Trainer Hans-Peter Zaugg über seinen neuen Verteidiger
Olivier Biaggi
Das ist er also, dieser Biaggi, Olivier mit Vornamen, ein breitschultriger Kerl mit langen Haaren und Fussballer mit wenig schmeichelhaftem Ruf. Er ist unzimperlich, kompromisslos, hart oder, um es in der verächtlichen Sprache seiner Kritiker zu sagen: ein Raubein, ein Grobian, ja ein Rüpel.
Biaggi kommt mit dem Image gut durch den Profi-Alltag. Und wenn er gefragt wird, ob er nachvollziehen könne, dass Stürmer vor ihm Angst hätten, antwortet er: «Ich hoffe, dass das so ist. Wenn der Gegner Angst hat, verliert er schnell ein paar Prozente seines Leistungsvermögens.» Für ihn ist ein Grundsatz, seine Rolle so zu interpretieren, «dass für die Stürmer sofort klar ist: Wir sind die Chefs, wir, die Abwehrspieler.»
Sturmpartner von Brigger
Wenn Olivier Biaggi die Erfolge seiner 14-jährigen Profi-Laufbahn aufzuzählen beginnt, steht an vorderster Stelle der zweifache Titelgewinn mit Sion 1992 und 1997 vor den Cupsiegen 1991 und 1997. Das Wallis ist die Heimat von Biaggi, der einst mit Jean-Paul Brigger ein Sturmduo und später ein Verteidigerpaar bildete. Geboren wurde der 32-Jährige aber in St. Gallen. Sein Vater Jean-Paul war Torhüter im Espenmoos und wurde mit den Ostschweizern 1969 Cupsieger. Olivier Biaggis erster Verein war der FC Sion, er war auch der letzte vor dem Wechsel nach Luzern. Dazwischen war Biaggi in Lausanne, bei Servette, in Yverdon und schliesslich in Lugano. Und wo immer er seiner Arbeit nachging, verzichtete er darauf, den Künstler zu mimen. Er sagt: «Man soll tun, was man kann.» Seine Vorzüge sind die Furcht- und Kompromisslosigkeit.
Seit neustem ist der FC Luzern sein Arbeitgeber, und das soll vorerst bis Sommer so bleiben. Auf Empfehlung von Dario Rota, Biaggis einstigem Weggefährten (die beiden waren in Lugano ein gefürchtetes Duo), kontaktierte FCL-Sportchef Raffaele Natale den Verteidiger, dessen Vertrag in Sion Ende Dezember ausgelaufen war. In Kürze waren die Formalitäten erledigt, der Transfer perfekt, und bei seinem Arbeitsantritt bekam Biaggi den Auftrag, die Abwehr zu stabilisieren (was nicht erst seit dem 2:4 in St. Gallen dringend notwendig ist). Für sich selber hat er umgehend das ehrgeizige Ziel formuliert: «In drei Wochen soll nicht mehr über die Abwehr und die gemachten Fehler geredet werden, sondern über unsere Offensive und die erzielten Tore.»
Handicapiert, aber bereit
Morgen will Biaggi erstmals eingreifen, wenn es gegen Aarau geht. Dem Samstag fiebert er entgegen und will darum nichts mehr wissen von seiner Muskelverletzung. Teamarzt Konrad Birrer vertraut der Erfahrung des Spielers: «Er ist alt genug, um die Lage richtig einzuschätzen. Ich gehe davon aus, dass er spielt.»
Wen Biaggi in der Verteidigung neben sich hat, ist sekundär, «ich möchte einfach, dass die Abwehr eine Einheit wird. Wenn sie es ist, habe ich meine Arbeit gut erledigt.» Dass es einiges zu erledigen gibt, weiss Biaggi seit dem Studium des Auftaktspiels in der Ostschweiz sehr wohl: «Es kann nicht sein, dass wir in jedem Spiel fünf Tore brauchen, um zu gewinnen.»
Warum Biaggi Deutsch redet
Wie es ab Sommer mit Biaggi weitergeht, ist ungewiss. Vielleicht meldet sich wieder mal - wie kürzlich erlebt - ein Agent aus China oder Russland oder Frankreich oder Belgien. Für Mitte April ist zuerst ein Gespräch mit der Luzerner Vereinsleitung vereinbart. Bis dann wird tendenziell abzusehen sein, wohin es den FC Luzern verschlägt. Aber vorderhand ist Biaggi mit seiner Verlobten Lara in der Zentralschweiz und in der Stadt, die für ihn «wie Sion am See» ist. Und weil rasche Integration für ihn wichtig ist, kramt er das Deutsch hervor, das er als Jugendlicher an der Handelsschule gelernt hat. «Die Leute in Luzern reden Deutsch», sagt er, «also ist für mich klar, dass ich mir Mühe geben muss, auch Deutsch zu reden.»
«Hart ist es immer»
Biaggi, ein zuvorkommender und freundlicher Mensch, hat gelernt, dass es gescheiter ist, keine Zukunftspläne mehr zu machen. «Im Fussball», pflegt er zu sagen, «kann man nichts voraussagen.» Es sei denn, es gehe um die Hochrechnung im Kampf gegen den Abstieg. «Acht Siege brauchen wir, dazu zwei, drei Unentschieden, dann schaffen wir es», rechnet Biaggi vor.
Die bevorstehenden Wochen sind hart. Aber wie sagt der Neue doch? «Hart ist dieses Geschäft immer. Das ist kein Problem.» Es scheint fast, als wäre die Situation des FCL auf ihn zugeschnitten.