Big Slide, ich bin Dir noch eine Antwort schuldig.
Wie Du ja sicher weißt, entstand die Ultra-Bewegung in den 50ger Jahren in Italien im Bestreben, die supportwilligen Kräfte in der Kurve zu organisieren und der Kurve eine wirkungsvolle Struktur zu geben. Das Ziel von damals hat sich bis heute nicht geändert: der bestmögliche Support der eigenen Mannschaft.
Um dieses Ziel zu erreichen, ist die Ultra-Bewegung schon immer innovative Wege gegangen und war sich nie zu schade, neue Sachen auszuprobieren. Lektion Nr.1: Ultras sind fortschrittliche Menschen mit wachen Geistern! Ihre Gegner hingegen sind nicht selten rückwärtsgewandt, erzkonservativ oder ganz einfach nur vom Leben enttäuscht und bis auf die Knochen frustriert (siehe Schüwig).
Was den akustischen Support angeht, ist es der Ehrgeiz jeder Ultra-Gruppierung, ein möglichst grosses Repertoire an eigenständigen Liedern aufzubauen. Nichts verabscheut ein Ultra mehr, als immer nur die gleichen langweiligen 08.15-Lieder zu singen. Ein Ultra ist auch der Meinung, dass es interessantere Aussagen zu singen gibt, als einfach nur Shalala oder Super FCL olé olé. Also versucht er Lieder zu kreieren, die richtige Texte haben. Texte, die irgendetwas über seine Befindlichkeit aussagen, über die Liebe zu seinem Verein, über die Mentalität seiner Stadt oder auch einfach nur über die Eltern der gegnerischen Fans, die ja genaugenommen eigentlich Geschwister sind ...

Kannst Du Dir vorstellen wie frustrierend es für einen Luzerner Ultra ist, wenn es auf der Allmend das höchste der Gefühle ist, wenn einmal mehr Marmor, Stein und Eisen bricht gesungen wird? Und das seit über zwanzig Jahren ...
Genau so wichtig, wenn nicht noch wichtiger ist der optische Support. Schliesslich geht es darum, der Kurve Farbe zu verleihen, ihr ein Gesicht zu geben. Auch hier zeigen sich die Ultras erfinderisch. Balkenschals, Schwenk-, Block- und Zaunfahnen, Banderolen, Tapeten, Doppelhalter, Konfettis, Papierrollen, Zettel, Luftballons – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. So weit so gut. Gäbe es da nicht auch noch Rauch und Pyro...
Zum Thema Pyro möchte ich folgendes sagen: Fakt ist, dass es in den ersten zwanzig Jahren der Ultra-Bewegung sowas wie Feuerwerkskörper im Stadion praktisch nicht gab. Die Gleichsetzung Ultras=Pyromanen greift also meiner Meinung nach viel zu kurz. Es ist aber ebenso eine Tatsache, dass von dem Zeitpunkt an, als pyrotechnische Materialien auf breiter Basis erhältlich waren, diese auch sofort mit grosser Begeisterung in die Kurvenshows integriert wurden. Die Ultramanie bestand aber niemals ausschliesslich darin, einfach nur möglichst grosse Teile des Stadions einzuräuchern. Die (schweizerische und auch deutsche) Unsitte, irgendwo im Block anonym eine Rauchbombe hochzujagen oder sogar Leuchtstifte in gegnerische Blocks zu feuern, findet man in italienischen Kurven praktisch nicht. Dort geht es immer darum, die Pyrotechnik gezielt und sinnvoll im Rahmen einer aussagekräftigen Choreografie einzusetzen. Mit grossem Erfolg übrigens: Seit dem Aufkommen von Pyro hat die Qualität der Kurvenshows in Italien einen richtiggehenden Quantensprung gemacht.
Polizei und Fussballfunktionäre in der Schweiz sind leider nicht gewillt, die Pyroproblematik auch nur ansatzweise differenziert zu betrachten. Durch das pauschale Verbot von Pyromaterial und der damit verbundenen Repression und unsinnigen Kriminalisierung von ganz normalen Fussballfans, hat man der Ultrabewegung ganz bewusst ein wichtiges Identifikationsmerkmal geraubt. Logisch, dass sich die Ultras das nicht bieten lassen. Jede in einem schweizer oder auch deutschen Stadion illegal gezündete Bengale sieht daher nicht nur geil aus, sondern ist immer auch ein wichtiges Signal an die Öffentlichkeit: Seht her, wir leben noch! So leicht lassen wir uns nicht unterkriegen!
„Ha! Die Ultras machen also ganz bewusst illegale Sachen“, wirst Du jetzt vielleicht denken. Richtig, aber nur weil sie dazu gezwungen werden! Aber eines ist schon richtig, das will ich auch gar nicht leugnen: Die Ultra-Bewegung hat einen durchaus antiautoritären und rebellischen Kern. Auch wenn der Support der eigenen Mannschaft für einen Ultra das wichtigste überhaupt ist, ist er trotzdem in der Lage, das Geschehen im und rund um den Verein kritisch zu hinterfragen. Denn von einem ist ein Ultra überzeugt: Die wahre Seele eines Fussballvereins ist seine Fankurve. Spieler, Trainer, und Funktionäre kommen und gehen. Die Fankurve hingegen bleibt. Eine Ultra-Gruppe kann sich also durchaus auch mal gegen ihren eigenen Verein stellen. Auch das erklärt vielleicht, warum viele Vereine dieses unliebsame Klientel so schnell wie möglich aus dem Stadion verbannt, und durch ein unkritisches Kopfnicker-Publikum ersetzt haben möchten.
Ein weiteres wesentliches Merkmal der Ultra-Bewegung ist, dass sie sich gegen die unselige Kommerzialisierung des Fussballs aktiv wehrt. Kennst Du das Ultra-Manifest? Du solltest es kennen, wenn Du Dich für die Ultra-Szene interessierst. Auf der alten Website der UL findest Du eine ziemlich gute Übersetzung des italienischen Originals.
http://www.ultras-luzern.ch/ul/index.ph ... t/manifest
Nimm Dir doch ein paar Minuten Zeit und lies Dir den Text einmal kurz durch. Du wirst vielleicht überrascht sein, was da so alles drin steht. Mit Sicherheit wirst Du danach aber viele Sachen besser verstehen.
Zum Schluss möchte ich Dir noch ein kleines, sympathisches Flash-Filmchen ans Herz legen. Es stammt vom Commando Ultra‘ Curva Sud (CUCS) aus Rom. Das CUCS war bis Ende der 80ger Jahre eine führende Ultra-Bewegung der AS Roma. Wenn Du Dir das Filmchen anschaust, wirst Du vielleicht zuerst etwas enttäuscht sein: Da gibt es ja gar keine spektakulären Choreographien und Pyroshows zu sehen (diesbezüglich gäbe es Tausende um Welten bessere Beispiele). Aber schau Dir die Ultras in dem Film einmal genau an. Oh Wunder, die haben ja Haare! Da stehen keine umbro-uniformierten Kampfmaschinen in der Kurve, sondern ganz normale und gesund fanatische Fans. Fans, die einfach etwas Unbezahlbares gemein haben: die unsterbliche Liebe zum Verein und zur Kurve. Und das ist die eigentliche Bedeutung des Ultra-Gedankens!
http://www.carpediem-stpauli.de/down/ultraroma.exe
Ich glaube, dass dieses kleine Filmchen den Ultra-Lifestyle und die Hintergründe dieser einzigartigen Fussball-Subkultur sehr gut erahnen lässt. Mit Sicherheit hilft es einige Vorurteile abzubauen. Ganz zu schweigen von den kultigen 70ger- und 80ger Jahre Bildern, die einen wunderbaren Charme entwickeln und bestimmt das eine oder andere nostalgische Gefühl wecken. In diesem Sinne: Kopfhörer aufsetzen und Film starten!
So, ganz schön lang geworden das Ding. Egal, scheiss drauf!
Immer bereit, sich an anderen Meinungen zu reiben!
LUzifer