Zur besseren Uebersicht stell ich dieses Interview hier unkommentiert rein.
"Ich lasse mir die Arbeit nicht kaputt machen!"
Die Stimmung beim FC Luzern ist nach dem 0:1 gegen Thun am Boden. Ciriaco Sforza zeigt sich im Interview mit uns kämpferisch und widerspricht allen, die ihm Ratlosigkeit unterstellen.
Wer Dich nach dem Spiel gegen Thun im Schweizer Fernsehen erlebt hat, konnte zu dem Schluß kommen, als hättest du vor allem Lobendes über den Gegner zu sagen und wenig über die eigene Mannschaft.
C.S.: Eine Frechheit war das! Da wurden ganz zentrale Aussagen einfach
herausgeschnitten! Entweder man sendet es ganz oder man lässt wenigstens die wichtigen Dinge drin. Aber so war es einfach unprofessionell.
Die Journalisten sind aber nicht schuld am Erscheinungsbild der Mannschaft.
C.S.: Journalisten sollen nichts schön reden, aber sie sollen fair sein. Was gestern gesendet wurde, war weder fair noch respektvoll. Und was teilweise heute in der Presse stand, ebenfalls nicht. Offenbar wollen manche den Eindruck erwecken, ich sei ratlos. Das ist Humbug und das lasse ich mir nicht gefallen. Ich erwarte als Trainer den gleichen Respekt vor meiner Arbeit, den ich gegenüber der Arbeit von Journalisten habe.
Das Auftreten deiner Mannschaft gegen Thun hat vielleicht nicht dich, aber einige andere ratlos gemacht.
C.S.: Das mag sein. Mich hat es nicht ratlos gemacht, sondern enttäuscht. Der Mannschaft ging es genauso. Wir wollten im Cup weiter kommen und das haben wir nicht geschafft. Darüber hinaus haben wir eine Leistung gezeigt, die so nicht gehen kann. Bevor jemand an den Pranger gestellt wird, stellt sich aber erst einmal die Frage nach dem Warum.
Hast du darauf eine Antwort?
C.S.: Es gibt zwei Hauptgründe, die nicht nur das Spiel gegen Thun betreffen, sondern die letzten Wochen insgesamt. Der erste: Fußball ist ein Mannschaftssport. Mit egoistischer Spielweise kannst du nichts gewinnen. Diese alte Fußballweisheit wird bei uns vernachlässigt. Wenn jemand nach dem Motto spielt: „Hauptsache, ich sehe gut aus“, dann geht das nach hinten los – für den Einzelnen und für das Team insgesamt. Das spreche ich immer wieder an, die Spieler hören auch zu und setzen es im Training um. Es hakt an der Umsetzung im Spiel.
Welche Erklärung gibt es dafür?
C.S.: Fußball hat mehr mit Psychologie zu tun, als viele glauben wollen. Mit Mißerfolgen bauen sich Blockaden auf, es fehlt die Konzentration von der ersten Minute an. Zusätzlich wirkt es gerade für unsere jungen Spieler verunsichernd, wenn sie öffentlich niedergemacht werden. Die Frage ist doch: Warum haben wir denn in der letzten Saison Spiele anders gestaltet? Meine Grundphilosophie ist doch gleich geblieben: „Einfach spielen – früh stören – aggressiv nach vorn gehen“. Daran hat sich nichts geändert. Ich sage doch nicht: „Geht auf den Platz und versteckt Euch.“ Was aber anders geworden ist: Zu dieser Zeit konnte die Mannschaft noch unbelastet aufspielen, weil es keinen Erwartungsdruck gab. Das geht heute nicht mehr.
Nimmst Du die Spieler da nicht zu sehr in Schutz? Muß man von einem Profi nicht erwarten, sich auf ein Spiel so vorzubereiten, dass er seiner Aufgabe gewachsen ist?
C.S.: Ich habe es vor zwei Wochen an dieser Stelle schon einmal gesagt: Selbstverständlich ist es der Job jedes Spielers, sich mental auf ein Match einzustellen. Das erwarte ich. Wer aber glaubt, man bräuchte die Spieler nur mal ordentlich zusammenzustauchen und schon würde alles wie von selbst laufen, hat keine Ahnung. So funktionieren Menschen nicht. Dazu kommt: Uns fehlen zwei, drei Typen in der Mannschaft, die auf dem Platz Orientierung bieten. Die, die wir haben, sind dazu momentan nicht in der Lage. Alternativen habe ich nicht.
Die Frage bleibt: Wie kann die Mannschaft aus der Talsohle heraus kommen?
C.S.: Ganz einfach: Indem wir so weiter arbeiten wie bisher. Wir haben in Luzern in den letzten eineinhalb Jahren ein gutes Fundament mit vielen Talenten aufgebaut. Wir haben in der Liga nur vier Spiele verloren und 16 Punkte gewonnen. Und das mit der jüngsten Mannschaft in der SuperLeague, die teilweise vor zwei Jahren noch in der Challenge League gespielt hat und in die wir immer mehr neue junge Spieler integrieren. Wir haben damit weniger erreicht, als wir uns vorgestellt haben, aber wir bewegen uns absolut im Rahmen. Ein Blick auf die Tabelle zeigt doch, wie eng alles ist. Im Cup wollten wir weiter kommen – ok, das macht niemanden glücklich. Fußball lässt sich aber nur begrenzt planen, das macht seinen Reiz aus.
Ein Vorwurf an Dich lautet: Du hast Dir das Team selbst ausgesucht, hast Transfers in die Wege geleitet, die bisher nicht weitergeholfen haben.
C.S.: Dass wir nicht mit allen Spielern zufrieden sind, die zu uns kamen, ist richtig. Flops gibt es in jedem Verein, damit muss man leben. Bei uns ist der Druck deswegen besonders groß, weil wir in der Breite nicht genügend aufgestellt sind. Dieses Problem ist bekannt. Ansonsten gilt: Wir machen ein intensives und vielfältiges Training, bereiten das Team sorgfältig auf die jeweiligen Spiele vor, handeln flexibel, so wie es die Personalsituation erlaubt und es der Gegner erfordert, führen viele Einzelgespräche – aber auf dem Platz steht nun mal die Mannschaft.
Aber der Trainer steht in der Verantwortung.
C.S.: Richtig. Deshalb muss ich mir immer die Frage stellen: Bin ich mit meiner Strategie auf einer Wellenlänge mit dem Verein? So lange ich diese Frage mit „Ja“ beantworten kann, sind wir auf dem richtigen Weg. Wenn nicht, höre ich auf. Ich kann auch zwei Mal am Tag warm essen, wenn ich den Job nicht mehr mache. Aber ich will ihn machen, weil ich an die Strategie glaube und weil ich mit Herzblut dabei bin. Und weil ich mir nicht von außen kaputt machen lasse, was wir hier aufgebaut haben. Ich werde nicht den Weg wie mancher Trainerkollege in anderen Vereinen gehen und mich irgendeinem Druck von außen beugen.
Hältst Du die derzeitige Kritik an Deiner Person für unberechtigt?
C.S.: Es ist die einfachste Methode, den Trainer zum Sündenbock zu machen. Die wird oft von Leuten angewandt, die keinen Einblick haben oder nur ihre Vorurteile bestätigt sehen wollen. Klar ist: Wenn die Mannschaft nicht mehr mitzieht oder nicht mehr alle an einem Strang ziehen, muss sich auch der Trainer hinterfragen lassen. Bei uns ist die Situation etwas anders: Es gibt eine gemeinsame Philosophie und eine durch und durch intakte Mannschaft, die mitzieht.
Ist es eine zwangsläufige Folge fehlender Erfolge, dass zuerst der Trainer infrage gestellt wird?
C.S.: Punkt 1: Fehlende Erfolge lasse ich nicht gelten. Siehe oben! Wenn wir eine Entwicklung auf Dauer wollen, dann können wir nicht mittendrin aufhören. Punkt 2: Es geht auch anders. Beispiel: In Nürnberg steht der „Club“ nach einer guten letzten Saison jetzt auf einem Abstiegsplatz. Niemand ist dort auf die Idee gekommen, den Trainer infrage zu stellen, obwohl Nürnberg eine ganze Serie von schlechten Spielen gemacht hat und die Punkte einfach nicht kamen. An diesem Sonntag hat der FCN Borussia Dortmund geschlagen und zwar sehr überzeugend. Keine Ahnung, ob das eine Trendwende war, aber das Beispiel zeigt: Schwierige Phasen machen alle Mannschaften durch und wenn man die Ruhe bewahrt und mit Überzeugung weiterarbeitet, stellen sich auch Erfolge wieder ein.
Du forderst Ruhe zum Arbeiten. Hast Du die noch, nachdem Du am Samstag im Stadion angepöbelt wurdest und anschließend geschützt werden musstest?
C.S.: Noch einmal: Ich lasse mich nicht von außen kaputt machen. Wenn wir keine gemeinsame Linie im Verein mehr haben, dann gehe ich. Von selbst. Niemand wird mich wegtragen müssen. Aber ich sehe noch nicht, dass dies der Fall ist.
Interview: Peter Hermanns