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Ultras
ab minute 2.30 zu geil!Insider hat geschrieben:http://www.youtube.com/watch?v=LklRb4qz ... abrze-0-1/
AUF JETZT!!!
Wenn man gut hinhört, hört man, dass die drei WO keine Fackeln zünden "alles dommi sieche" singen.Summi hat geschrieben:ab minute 2.30 zu geil!Insider hat geschrieben:http://www.youtube.com/watch?v=LklRb4qz ... abrze-0-1/
War sicher recht gefährlich, wenn man bedenkt, dass so ne Bengale 1000 Grad C heiss wird. War sicher öppe eine halbe Million Grad heiss dort. uiuiui....
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durchaus lesenswert!
Am sechsten Spieltag der 2. Liga verlor der 1. FC Nürnberg sein Heimspiel gegen den MSV Duisburg sang- und klanglos mit 0:1 und rutschte auf den 14. Tabellenplatz ab. Das Gegentor fiel bereits in der 23. Minute, anschließend ging nicht mehr viel zusammen. Nun hat es in der Vergangenheit bereits Spiele gegeben, in denen Heimmannschaften einen solchen Rückstand noch gedreht haben, mit eigener Leidenschaft und der Unterstützung des Publikums. Nicht so jedoch an diesem Abend in Nürnberg, denn die Ultras in der Nordkurve des Frankenstadions schienen wenig interessiert am Treiben auf dem grünen Rasen. Sie schwiegen zu Spielbeginn zunächst 20 Minuten lang und sangen dann bis zum Abpfiff eine einschläfernde Endlosmelodie – als Protest gegen die Montagsspiele im DSF und fanfeindliche Anstoßzeiten.
Vielleicht nur eine Momentaufnahme. Vielleicht aber auch ein weiterer Beleg für die Vermutung, dass die Fankultur in deutschen Stadien inzwischen ziemlich auf den Hund gekommen ist. Denn der deprimierende Abend in Nürnberg zeigte exemplarisch, wie weit sich der Support in vielen Kurven bereits vom ursprünglichen Sinn und Zweck eines Fanblocks entfernt hat, nämlich die Mannschaft zu unterstützen, der viel beschworene 12. Mann zu sein. Und vielleicht noch schlimmer: Von der Wildheit, der Anarchie, der Spontaneität, die die Fanblöcke über Jahrzehnte hinweg auszeichneten, ist im Herbst 2008 nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen trifft sich jeden Samstag auf den Stehrängen ein gut gedrillter Männerchor und wartet auf seinen Dirigenten. Staatsoper statt Punkrock.
Natürlich hat diese Entwicklung viele Ursachen. Sie hat zu tun mit den antiseptischen Stadien, in denen Profifußball heutzutage stattfindet. Und auch die Klubs haben dazu beigetragen, weil sie immer noch nicht begreifen wollen, dass Fußball kein Musical ist, kein Starlight Express auf grünem Rasen. Und trotzdem: Schuld an der Misere sind nicht nur der moderne Fußball, der verdammte Polizeistaat und skrupellose Vereine, sondern eben auch jene, die einmal antraten, um die Fankultur zu retten: die Ultras.
Doch der Reihe nach: Es ist noch nicht allzu lange her, da orientierten sich deutsche Anhänger auf der Suche nach Inspiration traditionell nordwestlich, die britische "terraces" waren das Vorbild hiesiger Fankurven. Bis zur Mitte der 90er Jahre setzten sich Moden, die der "Kop" in Liverpool oder Chelseas "Shed End" vorlebten, mit Verzögerung auch in Hamburg, Düsseldorf und Nürnberg durch. Wie binde ich meinen Schal, welche Lieder singe ich, wie schaue ich Fußball, das das schauten sich die deutschen Kurven seit den 60er Jahren vorwiegend von den englischen Lads ab. Vor allen aber importierten sie das egalitäre Prinzip, dass im Fanblock keine Anführer gewählt werden, alle waren gleichberechtigt und gleichverantwortlich für die Unterstützung des Klubs. Fiel jemandem etwas Witziges ein, rief er es. Wenn er Glück hatte, fanden andere das ebenso lustig und am Ende brüllte es die ganze Kurve. So lief es früher.
Seit 1997 jedoch haben sich die Verhältnisse radikal geändert. Begünstigt durch den langsamen Nidergang der englischen Fankultur, befeuert aber vor allem durch die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs, entdeckten deutsche Anhänger die italienische "Curva" als neues Vorbild. Die Ultras in Rom, Neapel, Livorno hatten mit dem traditionellen Bild der eher statischen deutschen Kurven wenig gemein. Waren die Fanblöcke hierzulande eine bunte Mischung unterschiedlicher Fanklubs und Einzelpersonen, präsendtierten sich die italienischen Anhänger schon damals als homogene, hierarchisch organisierte und von sogenannten "Capos" geführte Großgruppen, die im Fanblock nicht nur sangen und klatschten, sondern auch gerne auch mal kollektiv unterhakten und quer durch den Block schunkelten. Und was den deutschen Fans vielleicht noch mer imponierte: Viele italienische Kurven waren autonom und wurden von den Ultras selbst verwaltet, in Deutschland, dem Land der Fahnenpässe, eine überaus verlockende Vorstellung.
So befremdlich die neue Kultur auf alteingesessene Anhänger wirken mochte, der Siegeszug der Ultras schien zunächst die logische, einzige mögliche Reaktion der Fans auf eine zunehmend kommerzialisierte und restriktive Fußballwelt zu sein. Denn Vereine und Polizei hatten in den Jahren zuvor jede nur erdenkliche Anstrengung unternommen, um die aktiven Fans den Aufenthalt im Stadion gründlich zu verleiden. Lückenlose Überwachung durch unzählige Kameras, willkürliche Stadionverbote, brachiale Dauerbeschallung mit Rummelplatzmusik, die jedes Einsingen vor dem Spiel verhinderte, Fahnenpässe, flächendeckende Verkleinerung der Stehplatzareale, man könnte noch zwei, drei Stunden so fortfahren ohne sich zu wiederholen.
Dagegen setzten die Ultras ein selbstbewusstes Zeichen. Wollten fortan nicht mehr diejenigen sein, die freudig mitsingen, wenn die Stadionregie "I will survive" von der Hermes House Band durchs Stadion dröhnen ließ. Und wollten sich abgrenzen, von jenen, die getrieen in den nächsten Fanshop rennen, wenn der eigene Klub die siebte Away-Kollektion der laufenden Saision herausgebracht hatte. Stattdessen formulierten die Ultras einen Frontalangriff auf die bestehenden Zustände: Wir sind der Verein. Spieler kommen und gehen, Vorstände demissionieren, wir Anhänger jedoch stehen ein Leben lang zum Verein. Das war zwar ziemlich pathetisch formuliert, traf aber den Nerv vieler frustierter Anhänger. Denn damit gingen die Ultras noch einen Schritt weiter als die Fanzine-Generation, die Anfang der 90er Jahre mit ihrem Kampf gegen Versitzplatzung un den Rassismus auf den Rängen den Diskurs in den Stadien dominiert hatte.
Ausgehend vom Frankfurter Waldstadion, wo sich 1997 mit den "Ultras Frankfurt" die erste ernstzunehmende deutsche Ultragruppe gründete, schossen in den Folgejahren in nahezu allen großen Stadien der Republik Gruppen nach italienischem Vorbild aus dem Boden und übernahmen in Windeseile die Lufthoheit in den meisten Kurven. Manch eher traditionell gesinnte Fanklub beäugte die neue Mode zwar kritisch, die überkommene Kuttenkultur mit ihren Fanklubs hatte dem Korpsgeist, dem Gestaltungswillen und dem Bewegungsdrang der Ultras aber wenig entgegenzusetzen. Wie altmodisch wirkten Jeanskutten und Aufnhäher gegen die dynamische und smarte Ultraskultur.
Zumal nun vorher nicht Gesehenes auf den Rängen passierte. Wo es früher oft nicht einmal Haupttribüne und Kurve hinbekamen, den Heimatverein einigermaßen einstimmig anzufeuern, warfen sich plötzlich die tribünen perfekt getimte Wechselgesänge zu, hüpfte ein ganzer Fanblock im Wiegeschritt und sangen die Fans gar mehrstrophige Lieder, wo der Anhang früher schon beim ersten Relativsatz dezent ins Schwitzen kam. Das war neu und aufregend und die einzige Frage, die sich Anhänger in den ersten Jahren stellten, war folgende: Warum haben wir das eigentlich nicht schon immer so gemacht?
Doch was zunächst daher kam wie ein offenes System, wie ein verlockenedes Angebot an die Fans aller Couleur, mehr zu tun als nur zu singen und in die Hände zu klatschen, ist inzwischen weitgehend erstarrt, in strengen Hierarchien, merkwürdigen Ritualen, kindischen Diebstählen und jenem viel beschworenen Kampf "gegen den modernen Fußball", der für so ziemlich alles verantwortlich gemacht wird, was seit Fritz Walter im deutschen Fußball schief gelaufen ist.
Das Elend der Ultra-Kultur versinnbildlicht dabei der Vorsänger. Jener Fan, der auf dem Zaun sitzt, dem Spielfeld den Rücken kehrt und mit Megaphon in der Hand den nächsten Song anstimmt. 90 Minuten lang brüllt er heisere Kommandos ins Sprachrohr, ohne Pause, ohne Unterlass. Man muss den Vorsängern nichts Böses wollen, jeder für sich ist sicher ein integrer Bursche und altgedienter Veteran, um festzustellen, wie fatal dieses Cheerleading vom Zaun herab auf den Fanblock wirkt. Denn es macht aus aktiven Fans willige Vollstrecker. esungen wird nur noch das, was dem Vorsänger gerade einfällt, spontane Zwischenrufe haben eintgegen allen Beteuerungen kaum noch eine Chance, schleichend haben sich so Witz und Anarchie aus den Kurven verabschiedet, die Fanbläcke entmündigen sich selbst. oder wie es das Stuttgarter Commando Cannstatt vielleicht ungewollt totalitär formuliert:"Eine der Grundeinstellungen sollte es sein, dass man seine eigenen Interessen immer hinter die der Kurve und der Gruppe stellt."
Und:" Die Wege der Gruppe sind auch die eigenen Wege."
Nun gibt es ja durchaus ein paar plausible Argumente für die Animateure auf dem Zaun. Zum Beispiel, dass sich ein tausendköpfiger Block durch einen Vorsänger leichter dazu bringen lässt, zur gleichen Zeit ein Lied anzustimmen anstatt an vier Stellen gleichzeitig ganz unterschiedliche Songs. Der Preis bleibt dennoch deutlich zu hoch: Denn der Support ist zweifellos lauter geworden und optisch beeindruckender, zugleich aber auch ausrechenbarer und mitunter entsetzlich langweilig.
Was auch daran liegt, dass viele Ultras kaum noch aufs Spielfeld schauen, weil es au den Rängen viel zu viel zu tun gibt. Hüpfen, klatschen, unterhaken, ein schweißtreibender Vollzeitjob. Nun ist gegen den Support mit Händen und Füßen prinzipiell nichts einzuwenden, nur haben sich die Anhänger stillschweigend vom einstigen Selbstverständnis jedes Fanblocks verabschiedet, ein teil des Spiels sein zu wollen. Nicht selten spulen Ultras gänzlich unabhängig vom Spielverlauf ihr Programm herunter und lassen sich, polemisch formuliert, nur ausnahmsweise und höchst ungern von toren unterbrechen.
Anschließend geht es möglichst fix weiter im eigenen Programm. Sie hecheln dabei einem merkwürdigen ideal hinterher, nämlich dem des 90-minütgien Dauersupports, der vermeintlich maximalen Unterstützung des teams, die bei Licht besehen allerdings genau das Gegenteil ist. Denn woran erkennt man ein gutes Publikum? Muss es tatsächlich zwanghaft 90 Minuten lang lärmen, völlig wurscht, ob das eigene team gerade stürmt oder an der Mittellinie Rasenschach aufführt= Nein, ein gutes Publikum ist fachkundig und leidenschaftlich, es honoriert Einsatz, Kampfesmut und Spielwitz, es bejubelt tore und leidet mit, wenn auf dem Rasen nichts zusammenläuft. Ein gutes Publikum darf sich auch die Seele aus dem Leib pfeifen, wenn die Spieler lustlos übers Feld schleichen.
Stattdessen aber kultivieren viele Ultras einen merkwürdigen Leistungsgedanken. Das beginnt bei den Choreografien vor dem Spiel, die inzwischen längst zu uninspirierten Materialschlachten verkommen sind. Wenn wieder einmal das halbe Stadion Papptafeln hochhalten muss, während die Kurve ein martialisches Spruchband präsentiert, ist das auch nicht viel kreativer als eine nordkoreanische Aufführung anlässlich des Geburtstags des großen Führers Kim Jong Il. Was viele Ultras nicht zu stören scheint, denn kaum etwas findet solche Resonanz in der Szene wie die immer gleichen Bilder von Papptafeln, Doppelhaltern und bunten Girlanden. Kaum einem Ultra-Aktivisten fällt dabei auf, wie die Jagd nach immer bombastischeren Aufführungen die Kritik am Showbusiness Fußball konterkariert. So wortmächtig man nämlich gegen die klebrige Inszenierung des Profifußballs als bonbonfarbenes Event für zahlungskräftige Mittelstandsfamilien wettert, so leidenschaftlich produziert man selbst die atmosphärischen Bilder für die Anmoderation der Premierekonferenz. Schon Frankfurt-Ultra Adorno wusste. Das richtige Leben im falschen ist manchmal nicht so einfach.
Ähnlich verhält es sich mit dem Liedgut. Auch hier jagen viele Ultra-Szenen nach immer neuen, immer komplexeren Songs, die Eindruck bei den Gegnern schinden sollen. Kurven, die nicht alle zwei, drei Monate ihr Repertoire grundlegend überarbeiten, gelten schnell als rettungslos altmodisch. Manisch wird deshalb das Archiv der Plattform "Youtube" nach neuen Melodien ausländischer Szenen durchforstet . Als etwa die Ultras aus Pisa im Frühling den guten, alten Kaoma-Hit "Lambada" für die Kurve adaptierten, starteten die deutschen Szenen ein regelrechtes Rennen um die Erstveröffentlichung im deutschsprachigen Raum. Inzwischen wird das Stringtanga-Lied in Frankfurt, Hannover, Wien und Karlsruhe gesungen. Dass ständig neue, immer komplexere Lieder gesungen werden müssen, hat allerdings den unschönen Effekt, dass oftmals nur der harte Kern der Szene, der die Lieder zuvor gelernt hat, auch wirklich mitsingt (wobei allerdings mindestens die Hälfte des harten Kerns damit beschäftigt ist, die andere Hälfte des harten Kerns mit Fotohandy abzufilmen). Bis jedoch auch andere Anhänger text und Melodiefolge so weit verinnerlicht haben, dass sie ohne zu zögern einstimmen, ist das Lied oft schon längst wieder aus der Mode. Das faszinierende Schauspiel, wenn ein Choral der Fankurve auf das ganze Stadion übergreift, so dass die Opas mit Gehhilfe auf der Haupttribüne und die Jungspunde aus dem Fanblock das Gleiche brüllen und das Gleiche fühlen, wird so immer seltener und kommt eigentlich nur noch vor, wenn die Fankurve einen Gesang der Kategorie "Oldschool" anstimmt, auch wenn der weder vierstrophig noch in Deutschland einzigartig ist.
Die Schuld an der daraus resultierenden Spaltung der Fanblöcke in trällernde Ultras un den schweigenden Rest geben die aktiven Fans oft voreilig den Umstehenden, exemplarisch formuliert von den Ultras Wuppertal:" Leute, die ihr Maul nicht aufkriegen und nur dumm rumstehen, können auf der Nord bleiben!"
Ultras sind im Gegenzug für die Entwicklung der letzten Jahre schon häufiger hart angegangen worden. Kaum ein Vereinsforum, in dem nicht schon mehrfach und sehr engagiert über die Rolle der Ultra-Szene, die Vorsänger und das Liedgut gestritten wurde. So kritisierte etwa ein Gladbacher nach dem rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln die eigenen Ultras:" Die meisten der neueren Liedchen singen wir in einer tonlage, als wären sie eigens für Loriots Hund "Wum" aus "Der große Preis" kreiert worden. Laustärke? Null!" Nicht ganz zu Unrecht beklagen sich Ultras allerdings, dass solche Kritik nur anonym in Fanforen gepostet wird, selten sprechen Ultras und eher traditionelle Anhänger so intensiv wie gerade in Mönchengladbach. "Bei uns ist insbesondere die noch immer starke Kuttenszene und die aufkommende kleine Ultraszene sehr eng miteinander verwoben und esonders an Spieltagen ständig mitenander im Austausch", sagt Fanbetreuer thomas Weinmann. In der Regel wird in solchen Diskussionen aber ohnehin konsequent übersehen, dass es letztendlich um etwas viel Gundsätzlicheres geht als um den mauen Support am letzten Samstag, nämlich um das Selbstverständnis der Fans.
Nun ist es ja so, dass der heutige Profifußball für jeden Fan, ganz egal ob Kuttenträger, Normalo oder Ultra, mitunter nur sehr schwer zu ertragen ist. All die falschen Emotionen auf dem Platz, der Super-Sonntag im DSF, wenn doch nur Wolfsburg gegen Bochum kickt, Reinhold Beckmann, horrende Eintrittspreise, die absurden Gehälter der Spieler und bis zur Unkenntlichkeit zerpflückte Spielpläne - eigentlich ist es fastein Wunder, dass immer noch so viele Leute zum Fußball gehen. Nur, wie kann ein Fan auf all das reagieren? Viele traditionelle Anhänger haben sich angepasst, sitzen brav auf ihren Schalensitzen, schwenken Gratisfähnchen und halten es für den Gipfel der Ekstase, wenn die Welle durchs Stadion schwappt. Andere Fans ertragen den Event im Stadion, die debilen Maskottchen, bizarre Gewinnspiele und das Karachometer mit einer Mischung aus Ohnmacht und der grimmigen Zuversicht, dass der Fußball in seinem Innersten unzerstörbar ist. Was bleibt ihnen auch übrig? Die Alternative heißt, daheim zu bleiben oder auf die Verbandsliga auszuweichen.
Die Ultras hingegen haben aus der Kommerzialisierung und Entfremdung zwischen Spielern und Anhängern eine zweitaus radikalere Konsequenz gezogen. Wenn der Verein nicht dafür sorgt, so die weit verbreitete Auffassung, dann sind wir fortan die Gralshüter von tradition, Ruhm und Identität des Klubs. Das war zunächst prinzipiell kein verkehrter Ansazt, waren doch viele Vereine in der Vergangenheit bereit dazu, auch noch das letzte tafelsilber aus den Vereinsvitrinen zu verhökern, wenn es nur genügend Profit versprach.
Nichts schien sakrosankt, nicht die Wappen, nicht die Namen, nicht die Vereinsfarben, nicht die Stadien. Und es ist nur dem entschiedenen gemeinschaftlichen Kampf der Anhänger zu verdanken, dass es in Deutschland im Gegensatz etwa zur englischen Premiere League noch große Stehplatzareale zumindest für die Heimfans gibt, dass es trotz mancher Preiserhöhung immer noch erschwingliche tickets gibt und dass sich die meisten Klubs nicht trauen würden, verkokste Designer an den Vereinswappen herumfummeln zu lassen.
Mehr und mehr allerdings haben sich viele Ultras in den letzten Jahren davon verabschiedet, in der Fanszene nach gemeinsamen Positionen aller Gruppen zu suchen und sich stattdessen in eine bisweilen schwer nachzuvollziehende Orthodoxie zurückgezogen. Im gebestmühlenartig vorgetragenen Allgemeinplatz "Gegen den modernen Fußball" wird seither all das vermengt, was nur bedingt zusammengehört: die Geldgier vieler Vereine, die oft willkürlichen Stadionverbote und Schikanen der Polizei, aber eben auch die unverhohlene Abneigung gegen die Zuschauer auf den anderen tribünen, die mit dem Ultra-Gedanken eher wenig anfangen können und damit aus der Perspektive vieler aktiver Fans zwangsläufig nur charakterschwache Erfolgsfans sein können. Die eigentlich ziemlich banale Erkenntnis, dass es seit jeher ganz unterschiedliche Formen des Fußballguckens gibt, wird ausgeblendet.
Und so haben sich die Ultra-Szenen in vielen Stadien zu geschlossenen Systemen entwickelt, mit Probezeit und Gewissensprüfung. Oder eben so:" Man beschloss, die Aktivposten der Untergruppe mit in die Hauptgruppe zu integrieren und den Rest der Untergruppe zunächst unorganisiert zu lassen, mit der Perspektive, bei entsprechendem Engagement aufgenommen zu werden." Kein Strategiepapaier einer Geheimloge, sondern verfasst von den Ultras Regensburg, die damit nur besonders bürokratisch das elitäre Bewusstsein vieler Ultra-Gruppen formulierten. Optiscdh auffälligstes Zeichen dieses Rückzugs aus den offenen Strukturen des Fanblocks ist der Autonomen-Chic, der derzeit in den Szenen grassiert. Nur ein Beispiel unter vielen: Als Ende Oktober der 1. FC Kaiserslautern bei Rot-Weiß Oberhausen gastierte, sprangen reihenweise ganz in schwarz gekleidete junge Herren aus den Zügen und marschierten geschlossen durch den Bahnhofstunnel zu den Bussen, der schwarze Block am Niederrhein.
"Es fällt auf, dass sich allenthalber Aussehen udn Auftreten der Ultras immer ähnlicher werden", schreiben aktive Fans des tSV 1860 München. Und mehr noch: "Neue Ideen scheine rar gesät; und was als Epigone einer fremdartigen Fankultur ins Leben trat, lebt zwangsläufig von bloßer Nachahmung anderer. Dass regionale Unterschiede mehr und mehr verblassen, ist ein Vorgang, den man bedauern sollte."
Stellt sich also die Frage nach der Perspektive der Ultra-Kultur in den deutschen Kurven. Natürlich gibt es kein Zurück mehr zum statischen Support der 80er Jahre. Aber wenn die Ultras mehr sein wollen als eine elitäre Gruppe, die sich jeden Samstag vergeblich darum bemüht, die umstehenden Anhänger im Fanblock für den Support zu begeistern, dann werden sie verstehen müssen, dass eine lebendige Fankultur nicht durch straffe Organisation entsteht, sondern durch die Kreativität jedes Einzelnen. Sie werden begreifen müssen, dass das wahre leben nicht auf Youtube stattfindet, sondern im Stadion. Und dass ein Fanblock keine Dirigenten braucht, um gemeinsam zu singen. Er kommt sehr gut alleine zurecht.
Am sechsten Spieltag der 2. Liga verlor der 1. FC Nürnberg sein Heimspiel gegen den MSV Duisburg sang- und klanglos mit 0:1 und rutschte auf den 14. Tabellenplatz ab. Das Gegentor fiel bereits in der 23. Minute, anschließend ging nicht mehr viel zusammen. Nun hat es in der Vergangenheit bereits Spiele gegeben, in denen Heimmannschaften einen solchen Rückstand noch gedreht haben, mit eigener Leidenschaft und der Unterstützung des Publikums. Nicht so jedoch an diesem Abend in Nürnberg, denn die Ultras in der Nordkurve des Frankenstadions schienen wenig interessiert am Treiben auf dem grünen Rasen. Sie schwiegen zu Spielbeginn zunächst 20 Minuten lang und sangen dann bis zum Abpfiff eine einschläfernde Endlosmelodie – als Protest gegen die Montagsspiele im DSF und fanfeindliche Anstoßzeiten.
Vielleicht nur eine Momentaufnahme. Vielleicht aber auch ein weiterer Beleg für die Vermutung, dass die Fankultur in deutschen Stadien inzwischen ziemlich auf den Hund gekommen ist. Denn der deprimierende Abend in Nürnberg zeigte exemplarisch, wie weit sich der Support in vielen Kurven bereits vom ursprünglichen Sinn und Zweck eines Fanblocks entfernt hat, nämlich die Mannschaft zu unterstützen, der viel beschworene 12. Mann zu sein. Und vielleicht noch schlimmer: Von der Wildheit, der Anarchie, der Spontaneität, die die Fanblöcke über Jahrzehnte hinweg auszeichneten, ist im Herbst 2008 nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen trifft sich jeden Samstag auf den Stehrängen ein gut gedrillter Männerchor und wartet auf seinen Dirigenten. Staatsoper statt Punkrock.
Natürlich hat diese Entwicklung viele Ursachen. Sie hat zu tun mit den antiseptischen Stadien, in denen Profifußball heutzutage stattfindet. Und auch die Klubs haben dazu beigetragen, weil sie immer noch nicht begreifen wollen, dass Fußball kein Musical ist, kein Starlight Express auf grünem Rasen. Und trotzdem: Schuld an der Misere sind nicht nur der moderne Fußball, der verdammte Polizeistaat und skrupellose Vereine, sondern eben auch jene, die einmal antraten, um die Fankultur zu retten: die Ultras.
Doch der Reihe nach: Es ist noch nicht allzu lange her, da orientierten sich deutsche Anhänger auf der Suche nach Inspiration traditionell nordwestlich, die britische "terraces" waren das Vorbild hiesiger Fankurven. Bis zur Mitte der 90er Jahre setzten sich Moden, die der "Kop" in Liverpool oder Chelseas "Shed End" vorlebten, mit Verzögerung auch in Hamburg, Düsseldorf und Nürnberg durch. Wie binde ich meinen Schal, welche Lieder singe ich, wie schaue ich Fußball, das das schauten sich die deutschen Kurven seit den 60er Jahren vorwiegend von den englischen Lads ab. Vor allen aber importierten sie das egalitäre Prinzip, dass im Fanblock keine Anführer gewählt werden, alle waren gleichberechtigt und gleichverantwortlich für die Unterstützung des Klubs. Fiel jemandem etwas Witziges ein, rief er es. Wenn er Glück hatte, fanden andere das ebenso lustig und am Ende brüllte es die ganze Kurve. So lief es früher.
Seit 1997 jedoch haben sich die Verhältnisse radikal geändert. Begünstigt durch den langsamen Nidergang der englischen Fankultur, befeuert aber vor allem durch die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs, entdeckten deutsche Anhänger die italienische "Curva" als neues Vorbild. Die Ultras in Rom, Neapel, Livorno hatten mit dem traditionellen Bild der eher statischen deutschen Kurven wenig gemein. Waren die Fanblöcke hierzulande eine bunte Mischung unterschiedlicher Fanklubs und Einzelpersonen, präsendtierten sich die italienischen Anhänger schon damals als homogene, hierarchisch organisierte und von sogenannten "Capos" geführte Großgruppen, die im Fanblock nicht nur sangen und klatschten, sondern auch gerne auch mal kollektiv unterhakten und quer durch den Block schunkelten. Und was den deutschen Fans vielleicht noch mer imponierte: Viele italienische Kurven waren autonom und wurden von den Ultras selbst verwaltet, in Deutschland, dem Land der Fahnenpässe, eine überaus verlockende Vorstellung.
So befremdlich die neue Kultur auf alteingesessene Anhänger wirken mochte, der Siegeszug der Ultras schien zunächst die logische, einzige mögliche Reaktion der Fans auf eine zunehmend kommerzialisierte und restriktive Fußballwelt zu sein. Denn Vereine und Polizei hatten in den Jahren zuvor jede nur erdenkliche Anstrengung unternommen, um die aktiven Fans den Aufenthalt im Stadion gründlich zu verleiden. Lückenlose Überwachung durch unzählige Kameras, willkürliche Stadionverbote, brachiale Dauerbeschallung mit Rummelplatzmusik, die jedes Einsingen vor dem Spiel verhinderte, Fahnenpässe, flächendeckende Verkleinerung der Stehplatzareale, man könnte noch zwei, drei Stunden so fortfahren ohne sich zu wiederholen.
Dagegen setzten die Ultras ein selbstbewusstes Zeichen. Wollten fortan nicht mehr diejenigen sein, die freudig mitsingen, wenn die Stadionregie "I will survive" von der Hermes House Band durchs Stadion dröhnen ließ. Und wollten sich abgrenzen, von jenen, die getrieen in den nächsten Fanshop rennen, wenn der eigene Klub die siebte Away-Kollektion der laufenden Saision herausgebracht hatte. Stattdessen formulierten die Ultras einen Frontalangriff auf die bestehenden Zustände: Wir sind der Verein. Spieler kommen und gehen, Vorstände demissionieren, wir Anhänger jedoch stehen ein Leben lang zum Verein. Das war zwar ziemlich pathetisch formuliert, traf aber den Nerv vieler frustierter Anhänger. Denn damit gingen die Ultras noch einen Schritt weiter als die Fanzine-Generation, die Anfang der 90er Jahre mit ihrem Kampf gegen Versitzplatzung un den Rassismus auf den Rängen den Diskurs in den Stadien dominiert hatte.
Ausgehend vom Frankfurter Waldstadion, wo sich 1997 mit den "Ultras Frankfurt" die erste ernstzunehmende deutsche Ultragruppe gründete, schossen in den Folgejahren in nahezu allen großen Stadien der Republik Gruppen nach italienischem Vorbild aus dem Boden und übernahmen in Windeseile die Lufthoheit in den meisten Kurven. Manch eher traditionell gesinnte Fanklub beäugte die neue Mode zwar kritisch, die überkommene Kuttenkultur mit ihren Fanklubs hatte dem Korpsgeist, dem Gestaltungswillen und dem Bewegungsdrang der Ultras aber wenig entgegenzusetzen. Wie altmodisch wirkten Jeanskutten und Aufnhäher gegen die dynamische und smarte Ultraskultur.
Zumal nun vorher nicht Gesehenes auf den Rängen passierte. Wo es früher oft nicht einmal Haupttribüne und Kurve hinbekamen, den Heimatverein einigermaßen einstimmig anzufeuern, warfen sich plötzlich die tribünen perfekt getimte Wechselgesänge zu, hüpfte ein ganzer Fanblock im Wiegeschritt und sangen die Fans gar mehrstrophige Lieder, wo der Anhang früher schon beim ersten Relativsatz dezent ins Schwitzen kam. Das war neu und aufregend und die einzige Frage, die sich Anhänger in den ersten Jahren stellten, war folgende: Warum haben wir das eigentlich nicht schon immer so gemacht?
Doch was zunächst daher kam wie ein offenes System, wie ein verlockenedes Angebot an die Fans aller Couleur, mehr zu tun als nur zu singen und in die Hände zu klatschen, ist inzwischen weitgehend erstarrt, in strengen Hierarchien, merkwürdigen Ritualen, kindischen Diebstählen und jenem viel beschworenen Kampf "gegen den modernen Fußball", der für so ziemlich alles verantwortlich gemacht wird, was seit Fritz Walter im deutschen Fußball schief gelaufen ist.
Das Elend der Ultra-Kultur versinnbildlicht dabei der Vorsänger. Jener Fan, der auf dem Zaun sitzt, dem Spielfeld den Rücken kehrt und mit Megaphon in der Hand den nächsten Song anstimmt. 90 Minuten lang brüllt er heisere Kommandos ins Sprachrohr, ohne Pause, ohne Unterlass. Man muss den Vorsängern nichts Böses wollen, jeder für sich ist sicher ein integrer Bursche und altgedienter Veteran, um festzustellen, wie fatal dieses Cheerleading vom Zaun herab auf den Fanblock wirkt. Denn es macht aus aktiven Fans willige Vollstrecker. esungen wird nur noch das, was dem Vorsänger gerade einfällt, spontane Zwischenrufe haben eintgegen allen Beteuerungen kaum noch eine Chance, schleichend haben sich so Witz und Anarchie aus den Kurven verabschiedet, die Fanbläcke entmündigen sich selbst. oder wie es das Stuttgarter Commando Cannstatt vielleicht ungewollt totalitär formuliert:"Eine der Grundeinstellungen sollte es sein, dass man seine eigenen Interessen immer hinter die der Kurve und der Gruppe stellt."
Und:" Die Wege der Gruppe sind auch die eigenen Wege."
Nun gibt es ja durchaus ein paar plausible Argumente für die Animateure auf dem Zaun. Zum Beispiel, dass sich ein tausendköpfiger Block durch einen Vorsänger leichter dazu bringen lässt, zur gleichen Zeit ein Lied anzustimmen anstatt an vier Stellen gleichzeitig ganz unterschiedliche Songs. Der Preis bleibt dennoch deutlich zu hoch: Denn der Support ist zweifellos lauter geworden und optisch beeindruckender, zugleich aber auch ausrechenbarer und mitunter entsetzlich langweilig.
Was auch daran liegt, dass viele Ultras kaum noch aufs Spielfeld schauen, weil es au den Rängen viel zu viel zu tun gibt. Hüpfen, klatschen, unterhaken, ein schweißtreibender Vollzeitjob. Nun ist gegen den Support mit Händen und Füßen prinzipiell nichts einzuwenden, nur haben sich die Anhänger stillschweigend vom einstigen Selbstverständnis jedes Fanblocks verabschiedet, ein teil des Spiels sein zu wollen. Nicht selten spulen Ultras gänzlich unabhängig vom Spielverlauf ihr Programm herunter und lassen sich, polemisch formuliert, nur ausnahmsweise und höchst ungern von toren unterbrechen.
Anschließend geht es möglichst fix weiter im eigenen Programm. Sie hecheln dabei einem merkwürdigen ideal hinterher, nämlich dem des 90-minütgien Dauersupports, der vermeintlich maximalen Unterstützung des teams, die bei Licht besehen allerdings genau das Gegenteil ist. Denn woran erkennt man ein gutes Publikum? Muss es tatsächlich zwanghaft 90 Minuten lang lärmen, völlig wurscht, ob das eigene team gerade stürmt oder an der Mittellinie Rasenschach aufführt= Nein, ein gutes Publikum ist fachkundig und leidenschaftlich, es honoriert Einsatz, Kampfesmut und Spielwitz, es bejubelt tore und leidet mit, wenn auf dem Rasen nichts zusammenläuft. Ein gutes Publikum darf sich auch die Seele aus dem Leib pfeifen, wenn die Spieler lustlos übers Feld schleichen.
Stattdessen aber kultivieren viele Ultras einen merkwürdigen Leistungsgedanken. Das beginnt bei den Choreografien vor dem Spiel, die inzwischen längst zu uninspirierten Materialschlachten verkommen sind. Wenn wieder einmal das halbe Stadion Papptafeln hochhalten muss, während die Kurve ein martialisches Spruchband präsentiert, ist das auch nicht viel kreativer als eine nordkoreanische Aufführung anlässlich des Geburtstags des großen Führers Kim Jong Il. Was viele Ultras nicht zu stören scheint, denn kaum etwas findet solche Resonanz in der Szene wie die immer gleichen Bilder von Papptafeln, Doppelhaltern und bunten Girlanden. Kaum einem Ultra-Aktivisten fällt dabei auf, wie die Jagd nach immer bombastischeren Aufführungen die Kritik am Showbusiness Fußball konterkariert. So wortmächtig man nämlich gegen die klebrige Inszenierung des Profifußballs als bonbonfarbenes Event für zahlungskräftige Mittelstandsfamilien wettert, so leidenschaftlich produziert man selbst die atmosphärischen Bilder für die Anmoderation der Premierekonferenz. Schon Frankfurt-Ultra Adorno wusste. Das richtige Leben im falschen ist manchmal nicht so einfach.
Ähnlich verhält es sich mit dem Liedgut. Auch hier jagen viele Ultra-Szenen nach immer neuen, immer komplexeren Songs, die Eindruck bei den Gegnern schinden sollen. Kurven, die nicht alle zwei, drei Monate ihr Repertoire grundlegend überarbeiten, gelten schnell als rettungslos altmodisch. Manisch wird deshalb das Archiv der Plattform "Youtube" nach neuen Melodien ausländischer Szenen durchforstet . Als etwa die Ultras aus Pisa im Frühling den guten, alten Kaoma-Hit "Lambada" für die Kurve adaptierten, starteten die deutschen Szenen ein regelrechtes Rennen um die Erstveröffentlichung im deutschsprachigen Raum. Inzwischen wird das Stringtanga-Lied in Frankfurt, Hannover, Wien und Karlsruhe gesungen. Dass ständig neue, immer komplexere Lieder gesungen werden müssen, hat allerdings den unschönen Effekt, dass oftmals nur der harte Kern der Szene, der die Lieder zuvor gelernt hat, auch wirklich mitsingt (wobei allerdings mindestens die Hälfte des harten Kerns damit beschäftigt ist, die andere Hälfte des harten Kerns mit Fotohandy abzufilmen). Bis jedoch auch andere Anhänger text und Melodiefolge so weit verinnerlicht haben, dass sie ohne zu zögern einstimmen, ist das Lied oft schon längst wieder aus der Mode. Das faszinierende Schauspiel, wenn ein Choral der Fankurve auf das ganze Stadion übergreift, so dass die Opas mit Gehhilfe auf der Haupttribüne und die Jungspunde aus dem Fanblock das Gleiche brüllen und das Gleiche fühlen, wird so immer seltener und kommt eigentlich nur noch vor, wenn die Fankurve einen Gesang der Kategorie "Oldschool" anstimmt, auch wenn der weder vierstrophig noch in Deutschland einzigartig ist.
Die Schuld an der daraus resultierenden Spaltung der Fanblöcke in trällernde Ultras un den schweigenden Rest geben die aktiven Fans oft voreilig den Umstehenden, exemplarisch formuliert von den Ultras Wuppertal:" Leute, die ihr Maul nicht aufkriegen und nur dumm rumstehen, können auf der Nord bleiben!"
Ultras sind im Gegenzug für die Entwicklung der letzten Jahre schon häufiger hart angegangen worden. Kaum ein Vereinsforum, in dem nicht schon mehrfach und sehr engagiert über die Rolle der Ultra-Szene, die Vorsänger und das Liedgut gestritten wurde. So kritisierte etwa ein Gladbacher nach dem rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln die eigenen Ultras:" Die meisten der neueren Liedchen singen wir in einer tonlage, als wären sie eigens für Loriots Hund "Wum" aus "Der große Preis" kreiert worden. Laustärke? Null!" Nicht ganz zu Unrecht beklagen sich Ultras allerdings, dass solche Kritik nur anonym in Fanforen gepostet wird, selten sprechen Ultras und eher traditionelle Anhänger so intensiv wie gerade in Mönchengladbach. "Bei uns ist insbesondere die noch immer starke Kuttenszene und die aufkommende kleine Ultraszene sehr eng miteinander verwoben und esonders an Spieltagen ständig mitenander im Austausch", sagt Fanbetreuer thomas Weinmann. In der Regel wird in solchen Diskussionen aber ohnehin konsequent übersehen, dass es letztendlich um etwas viel Gundsätzlicheres geht als um den mauen Support am letzten Samstag, nämlich um das Selbstverständnis der Fans.
Nun ist es ja so, dass der heutige Profifußball für jeden Fan, ganz egal ob Kuttenträger, Normalo oder Ultra, mitunter nur sehr schwer zu ertragen ist. All die falschen Emotionen auf dem Platz, der Super-Sonntag im DSF, wenn doch nur Wolfsburg gegen Bochum kickt, Reinhold Beckmann, horrende Eintrittspreise, die absurden Gehälter der Spieler und bis zur Unkenntlichkeit zerpflückte Spielpläne - eigentlich ist es fastein Wunder, dass immer noch so viele Leute zum Fußball gehen. Nur, wie kann ein Fan auf all das reagieren? Viele traditionelle Anhänger haben sich angepasst, sitzen brav auf ihren Schalensitzen, schwenken Gratisfähnchen und halten es für den Gipfel der Ekstase, wenn die Welle durchs Stadion schwappt. Andere Fans ertragen den Event im Stadion, die debilen Maskottchen, bizarre Gewinnspiele und das Karachometer mit einer Mischung aus Ohnmacht und der grimmigen Zuversicht, dass der Fußball in seinem Innersten unzerstörbar ist. Was bleibt ihnen auch übrig? Die Alternative heißt, daheim zu bleiben oder auf die Verbandsliga auszuweichen.
Die Ultras hingegen haben aus der Kommerzialisierung und Entfremdung zwischen Spielern und Anhängern eine zweitaus radikalere Konsequenz gezogen. Wenn der Verein nicht dafür sorgt, so die weit verbreitete Auffassung, dann sind wir fortan die Gralshüter von tradition, Ruhm und Identität des Klubs. Das war zunächst prinzipiell kein verkehrter Ansazt, waren doch viele Vereine in der Vergangenheit bereit dazu, auch noch das letzte tafelsilber aus den Vereinsvitrinen zu verhökern, wenn es nur genügend Profit versprach.
Nichts schien sakrosankt, nicht die Wappen, nicht die Namen, nicht die Vereinsfarben, nicht die Stadien. Und es ist nur dem entschiedenen gemeinschaftlichen Kampf der Anhänger zu verdanken, dass es in Deutschland im Gegensatz etwa zur englischen Premiere League noch große Stehplatzareale zumindest für die Heimfans gibt, dass es trotz mancher Preiserhöhung immer noch erschwingliche tickets gibt und dass sich die meisten Klubs nicht trauen würden, verkokste Designer an den Vereinswappen herumfummeln zu lassen.
Mehr und mehr allerdings haben sich viele Ultras in den letzten Jahren davon verabschiedet, in der Fanszene nach gemeinsamen Positionen aller Gruppen zu suchen und sich stattdessen in eine bisweilen schwer nachzuvollziehende Orthodoxie zurückgezogen. Im gebestmühlenartig vorgetragenen Allgemeinplatz "Gegen den modernen Fußball" wird seither all das vermengt, was nur bedingt zusammengehört: die Geldgier vieler Vereine, die oft willkürlichen Stadionverbote und Schikanen der Polizei, aber eben auch die unverhohlene Abneigung gegen die Zuschauer auf den anderen tribünen, die mit dem Ultra-Gedanken eher wenig anfangen können und damit aus der Perspektive vieler aktiver Fans zwangsläufig nur charakterschwache Erfolgsfans sein können. Die eigentlich ziemlich banale Erkenntnis, dass es seit jeher ganz unterschiedliche Formen des Fußballguckens gibt, wird ausgeblendet.
Und so haben sich die Ultra-Szenen in vielen Stadien zu geschlossenen Systemen entwickelt, mit Probezeit und Gewissensprüfung. Oder eben so:" Man beschloss, die Aktivposten der Untergruppe mit in die Hauptgruppe zu integrieren und den Rest der Untergruppe zunächst unorganisiert zu lassen, mit der Perspektive, bei entsprechendem Engagement aufgenommen zu werden." Kein Strategiepapaier einer Geheimloge, sondern verfasst von den Ultras Regensburg, die damit nur besonders bürokratisch das elitäre Bewusstsein vieler Ultra-Gruppen formulierten. Optiscdh auffälligstes Zeichen dieses Rückzugs aus den offenen Strukturen des Fanblocks ist der Autonomen-Chic, der derzeit in den Szenen grassiert. Nur ein Beispiel unter vielen: Als Ende Oktober der 1. FC Kaiserslautern bei Rot-Weiß Oberhausen gastierte, sprangen reihenweise ganz in schwarz gekleidete junge Herren aus den Zügen und marschierten geschlossen durch den Bahnhofstunnel zu den Bussen, der schwarze Block am Niederrhein.
"Es fällt auf, dass sich allenthalber Aussehen udn Auftreten der Ultras immer ähnlicher werden", schreiben aktive Fans des tSV 1860 München. Und mehr noch: "Neue Ideen scheine rar gesät; und was als Epigone einer fremdartigen Fankultur ins Leben trat, lebt zwangsläufig von bloßer Nachahmung anderer. Dass regionale Unterschiede mehr und mehr verblassen, ist ein Vorgang, den man bedauern sollte."
Stellt sich also die Frage nach der Perspektive der Ultra-Kultur in den deutschen Kurven. Natürlich gibt es kein Zurück mehr zum statischen Support der 80er Jahre. Aber wenn die Ultras mehr sein wollen als eine elitäre Gruppe, die sich jeden Samstag vergeblich darum bemüht, die umstehenden Anhänger im Fanblock für den Support zu begeistern, dann werden sie verstehen müssen, dass eine lebendige Fankultur nicht durch straffe Organisation entsteht, sondern durch die Kreativität jedes Einzelnen. Sie werden begreifen müssen, dass das wahre leben nicht auf Youtube stattfindet, sondern im Stadion. Und dass ein Fanblock keine Dirigenten braucht, um gemeinsam zu singen. Er kommt sehr gut alleine zurecht.
MvW
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Konnte sich leider nie ganz durchsetzen. Aber denke auch in Basels/Badens Kellern liegen noch ein paar StückHaxen-Paule hat geschrieben:war die in der schweiz überhaupt mal in mode?Wiesel hat geschrieben:klar macht dir das weh, wenn die gute alte Jeansjacke mit den Aufnähern nicht mehr so in Mode ist......Haxen-Paule hat geschrieben:0% ultra
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Stecki
„Ultras U18“: Zumutbare Grenzen in Harlingerode überschritten
Von Frank Saigge
Mitunter hat man auch Schwierigkeiten, die Geister, die man nicht gerufen hat, wieder loszuwerden. Beim SC 18 Harlingerode, seit Jahrzehnten für vorbildliche Jugendarbeit im Fußballkreis Goslar bekannt, treibt seit einigen Wochen eine Gruppe ihr Unwesen, die sich selbst „Ultras U18“ nennt und die akzeptablen Grenzen sportlicher Unterstützung erheblich überschreitet.
Rund 30 bis 40 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren, darunter auch Mädchen, sind es, die nicht nur an der Planstraße für Randale sorgen, sondern auch auf anderen Plätzen im Stadtgebiet, mitunter auch in geringerer Zahl, ausgerüstet mit Megaphon und rot-gelben Fahnen.
„Zurzeit wissen wir auch nicht, was wir machen sollen“, sagt SC 18-Vorsitzender Jochen Niemeyer nach einer Woche mit etlichen Gesprächen. „Es kommt noch so weit, dass wir bei Jugendspielen Platzordner einsetzen müssen.“ Das Thema der Ultras sei seit vergangener Woche zum brennenden Thema geworden und habe für „viel Ärger im Verein“ gesorgt, nachdem bei einem D-Juniorenspiel zwischen dem SC 18 und der TSG Bad Harzburg die Situation verbal eskaliert ist und die Schmähgesänge gegen den Nachbarn in fremdenfeindliche Beleidigungen gegen einen Spieler mit Migrationshintergrund ausuferten.
Unbekannte dabei
Als dann auch noch auf der Homepage des Vereins ein Dank für die Unterstützung durch „eine große Hooligangruppe“ auftauchte und zwei Funktionäre der TSG an selber Stelle ihrem Unmut darüber kundtaten, hatte die Angelegenheit endgültig Wellen geschlagen. „Wir freuen uns doch alle über lautstarke Unterstützung, aber sie muss im Rahmen bleiben.“
Woher sie im Einzelnen kommen und wie sich die Gruppendynamik entwickelt hat, vermöge im Verein noch niemand zu sagen, meint Niemeyer. Es seien zwar auch eigene Jugendspieler des SC 18 in der Gruppe, aber auch andere, die diesen wiederum nicht bekannt seien. „Die Mädchen kenne ich überhaupt nicht“, sagt Niemeyer, dem die Vorfälle bei den D-Junioren sehr peinlich sind. Er habe bereits auf ein Schreiben der TSG reagiert und sich in aller Form entschuldigt. Daneben habe es in einem Gespräch mit den Jugendlichen den deutlichen Hinweis gegeben, dass sie sich anständig zu benehmen hätten.
Am vergangenen Sonntag, als das Kreisligateam des SC 18 das Derby gegen die TSG-Zweite bestritt, habe das allerdings nur zum Teil gefruchtet, musste Niemeyer eingestehen, und auch ein neutraler Beobachter berichtete von Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie. Allerdings habe es in der Gruppe Äußerungen gegeben, die darauf hindeuteten, dass man „die Hardcore-Sachen“ nicht singen solle, weil man sonst „tierischen Ärger“ bekommen würde.
Arbeit an einer Lösung
Niemeyer selbst betont, er habe sich in der Nähe aufgehalten und mehrfach eingegriffen, wenn es zu unflätig wurde. „Man muss sie ständig im Griff haben und ganz klar sagen, dass das Lieder sind, die nicht auf den Sportplatz gehören.“ Er werde mit seinem Vorstand auf jeden Fall weiter an der Lösung des Problems arbeiten, um nicht eines Tages Ärger mit dem Verband zu bekommen.
Dass dies bei möglichen Beschwerden von Betroffenen durchaus passieren könne, bestätigt NFV-Kreisvorsitzender Joachim Wojtke. Man müsse zunächst sicherlich das Gespräch mit allen Beteiligten suchen und gegebenenfalls versuchen, über die Schulen und Eltern auf die Jugendlichen einzuwirken. Wenn es dem Verein aber nicht gelinge, das Problem in den Griff zu bekommen, seien „alle Dinge denkbar, die zu einer Disziplinierung führen“.
Von Frank Saigge
Mitunter hat man auch Schwierigkeiten, die Geister, die man nicht gerufen hat, wieder loszuwerden. Beim SC 18 Harlingerode, seit Jahrzehnten für vorbildliche Jugendarbeit im Fußballkreis Goslar bekannt, treibt seit einigen Wochen eine Gruppe ihr Unwesen, die sich selbst „Ultras U18“ nennt und die akzeptablen Grenzen sportlicher Unterstützung erheblich überschreitet.
Rund 30 bis 40 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren, darunter auch Mädchen, sind es, die nicht nur an der Planstraße für Randale sorgen, sondern auch auf anderen Plätzen im Stadtgebiet, mitunter auch in geringerer Zahl, ausgerüstet mit Megaphon und rot-gelben Fahnen.
„Zurzeit wissen wir auch nicht, was wir machen sollen“, sagt SC 18-Vorsitzender Jochen Niemeyer nach einer Woche mit etlichen Gesprächen. „Es kommt noch so weit, dass wir bei Jugendspielen Platzordner einsetzen müssen.“ Das Thema der Ultras sei seit vergangener Woche zum brennenden Thema geworden und habe für „viel Ärger im Verein“ gesorgt, nachdem bei einem D-Juniorenspiel zwischen dem SC 18 und der TSG Bad Harzburg die Situation verbal eskaliert ist und die Schmähgesänge gegen den Nachbarn in fremdenfeindliche Beleidigungen gegen einen Spieler mit Migrationshintergrund ausuferten.
Unbekannte dabei
Als dann auch noch auf der Homepage des Vereins ein Dank für die Unterstützung durch „eine große Hooligangruppe“ auftauchte und zwei Funktionäre der TSG an selber Stelle ihrem Unmut darüber kundtaten, hatte die Angelegenheit endgültig Wellen geschlagen. „Wir freuen uns doch alle über lautstarke Unterstützung, aber sie muss im Rahmen bleiben.“
Woher sie im Einzelnen kommen und wie sich die Gruppendynamik entwickelt hat, vermöge im Verein noch niemand zu sagen, meint Niemeyer. Es seien zwar auch eigene Jugendspieler des SC 18 in der Gruppe, aber auch andere, die diesen wiederum nicht bekannt seien. „Die Mädchen kenne ich überhaupt nicht“, sagt Niemeyer, dem die Vorfälle bei den D-Junioren sehr peinlich sind. Er habe bereits auf ein Schreiben der TSG reagiert und sich in aller Form entschuldigt. Daneben habe es in einem Gespräch mit den Jugendlichen den deutlichen Hinweis gegeben, dass sie sich anständig zu benehmen hätten.
Am vergangenen Sonntag, als das Kreisligateam des SC 18 das Derby gegen die TSG-Zweite bestritt, habe das allerdings nur zum Teil gefruchtet, musste Niemeyer eingestehen, und auch ein neutraler Beobachter berichtete von Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie. Allerdings habe es in der Gruppe Äußerungen gegeben, die darauf hindeuteten, dass man „die Hardcore-Sachen“ nicht singen solle, weil man sonst „tierischen Ärger“ bekommen würde.
Arbeit an einer Lösung
Niemeyer selbst betont, er habe sich in der Nähe aufgehalten und mehrfach eingegriffen, wenn es zu unflätig wurde. „Man muss sie ständig im Griff haben und ganz klar sagen, dass das Lieder sind, die nicht auf den Sportplatz gehören.“ Er werde mit seinem Vorstand auf jeden Fall weiter an der Lösung des Problems arbeiten, um nicht eines Tages Ärger mit dem Verband zu bekommen.
Dass dies bei möglichen Beschwerden von Betroffenen durchaus passieren könne, bestätigt NFV-Kreisvorsitzender Joachim Wojtke. Man müsse zunächst sicherlich das Gespräch mit allen Beteiligten suchen und gegebenenfalls versuchen, über die Schulen und Eltern auf die Jugendlichen einzuwirken. Wenn es dem Verein aber nicht gelinge, das Problem in den Griff zu bekommen, seien „alle Dinge denkbar, die zu einer Disziplinierung führen“.
skajungeballesterer.at hat geschrieben:Ausgezündelt: Pyrotechnik-Verbot kommt
Mit einem neuen Gesetz will das Bundesministerium für Inneres (BMI) der Pyrotechnik in Österreichs Fußballstadien endgültig den Garaus machen. Faninteresse finden darin keine Berücksichtigung, kritisieren Streetworker und Fanbeauftragte.
Clemens Schotola | 10.07.2009
Nicht, dass das Abfackeln von Bengalen oder Zünden von Rauchtöpfen – im Boulevard gerne als Rauchbomben bezeichnet – bisher erlaubt gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: Seit dem Knalltrauma des ehemaligen Rapid-Tormanns Georg Koch nach einem Böllerwurf werden Vergehen gegen das Pyrotechnikgesetz schärfer geahndet. Dieses wird nun adaptiert. »Durch die neuen Regelungen wird vieles vereinfacht, das alte Gesetz aus dem Jahr 1974 konnte keine Rechtssicherheit geben«, erklärt Thomas Winkelmann vom Zentrum für Sportangelegenheiten des BMI auf Anfrage des ballesterer.
Die österreichische Bundesliga nützte jedenfalls den rechtlichen Rückenwind und will zukünftig keine Ausnahmegenehmigungen für legale Pyroshows in den Fankurven erteilen. Der Gesetzgeber zieht nach. In der für 9. Juli vorbereiteten Presseerklärung des BMI, die dem ballesterer vorab zugespielt wurde, heißt es: »Zukünftig ist zum Schutz der körperlichen Sicherheit … Besitz und Verwendung sämtlicher pyrotechnischer Gegenstände und Feuerwerkskörper in und um die Stadien verboten«. Das neue Gesetz soll für alle Sportgroßveranstaltungen gelten. »Ein Argument der ultraorientierten Fans«, so Winkelmann, »die sagen: ›Schauts doch zum Nachtslalom nach Schladming.‹«
Auch wenn der ehemalige Fanpolizist zugibt: »Dort wird das nur ein Thema, wenn der Rauch auf die VIP-Tribüne zieht«. Streetworker Christian arbeitet mit jungen Fußballfans. In den Verboten sieht er keine differenzierte Herangehensweise. Klar sei, dass Körperverletzungen vermieden werden müssten, jedoch fürchtet er eine unnötige Kriminalisierung. Denn obwohl das Pyrogesetz nur Verwaltungsrecht ist, könnten »seine« Jugendlichen nun vermehrt mit dem Strafgesetz in Berührung kommen. Zusätzlich zur Verwaltungsstrafe folgen auch Anzeigen wegen STGB §89 Gefährdung der körperlichen Sicherheit. »Wo fängt das an? Bei einem Rauchtopf?«, sieht der Streetworker Gefahr der Willkür. »Was kommt als nächstes? Das Fahnenschwenken? Hier kann es ja auch jemanden unglücklich am Auge erwischen. Und wer soll die ganzen Gesetze exekutieren?«
»Das wird nicht problemlos von statten gehen«, gibt auch Yasmin Österreicher, Bundesliga-Verantwortliche für den Spielbetrieb, zu. »Aber die Entscheidung war einstimmig und ist nach Rücksprache mit den Klubs erfolgt«, so Österreicher. Die Gefahr, dass bisher »brave« Fans radikalisiert werden, weil legales Zündeln nicht mehr möglich sein wird, sieht sie nicht. »Die Ausnahmegenehmigungen wurden zu wenig angenommen«. Martin Schwarzlantner, Fanbeauftragter bei Austria Wien, widerspricht: »Ein Totschlagargument. In den Ausnahmegenehmigungen ist das Abbrennen so erlaubt, wie es keiner möchte.« Sein Vorschlag: ein gesicherter Bereich im Sektor, wo unvermummt und legal Bengalen gezündet werden dürfen. Damit ließen sich viele gefährliche Situationen, die durch das illegale Abbrennen entstehen, vermeiden, so Schwarzlantner. Denn wer zündelt, darf sich nicht erwischen lassen, entsprechend unkontrolliert wird zu Werke gegangen. Eine Argumentation, die auch im BMI nachvollziehbar sein müsste, heißt es doch im Pressetext: »Ausgebrannte Hülsen werden im Stadion üblicherweise zu Boden fallen gelassen, durch ein ›Wegkicken‹ können diese heißen Gegenstände ggf. unkontrolliert in die Zuschauermenge geschleudert werden und erhebliche Verletzungen auslösen.«
Philipp Bechter, Sicherheitsbeauftragter bei Wacker Innsbruck, übt ebenfalls Kritik am Totalverbot: »Es geht nur über Selbstregulierung. Auf der Nordtribüne ist seit Jahren kontrolliertes Zündeln erlaubt, im Zusammenspiel mit Fans, Ordnern und Fanpolizisten.« Auch Winkelmann gibt zu: »In Innsbruck hat das noch am Besten funktioniert.« Aber warum hat sich die Bundesliga trotz möglicher Alternativen für ein komplettes Verbot entschieden? »Offenbar haben die Anliegen der Fanklubs kein Gehör gefunden.«

