48 (meist) ungerechtfertige Stadionvebote gegen Hamburger.
Gedanken zum letzten Wochenende
Eigentlich würde ich euch lieber darüber informieren, dass der HSV mit dem Heimsieg den Hauptstadtverein ein Stückchen weiter in die 2.Liga geschossen hat und vielleicht würde ich euch auch lieber darüber informieren, dass es die Berliner zum ersten Mal schafften in Hamburg einen akzeptablen Auftritt zu hinterlassen, doch dafür sind die gegenwärtigen Probleme einfach zu heftig. Und vor allem fehlt mir so etwas wie positive Energie um in den letzten Tagen etwas Fröhliches zu sehen.
Wir sind in über 10 Jahren Chosen Few Hamburg bislang von größeren staatlichen Repressionen verschont geblieben, noch litten wir an massiven Stadionverboten wie es andere Szenen kennen. Schon verrückt, dass im letzten Jahr die Zehnjahresfahrt nach Mainz sein Ende darin fand, dass 106 Hamburger, Hannoveraner und Bielefelder in Gewahrsam genommen wurden. In den letzten Wochen sind bei fast allen Inhaftierten Anzeigen wegen Landfriedensbruch eingetrudelt – ob zu Recht oder zu Unrecht muss hier nicht weiter debattiert werden. Meine bescheidene Meinung zu den Vorfällen interessiert eh niemanden und die deutsche Justiz bildet sich sowieso ihre eigene Geschichte zu den Vorfällen, ganz egal, ob Videoaufzeichnungen mehrere Leute entlasten würden oder sich vom Ärger 100 Meter entfernt aufgehalten worden ist. Doch damit nicht genug: während wir aufgrund der 140 pauschalen Stadionverbote für die Ultras Nürnberg noch diskutierten, wie wir unsere Solidarität in dieser schweren Stunde für die Nürnberger ausdrücken wollen, widerfuhr uns ein ähnlich hartes Schicksal. Am Mittwoch vorm Herthaspiel erhielten die ersten Leute ein Stadionverbot für 2,5 Jahre – ohne vorher zu den Ereignissen befragt zu werden und ohne Einbeziehung der möglichen Wahrheit. Ich möchte hier nicht in das typische Problem der deutschen Ultras verfallen und über jede staatliche Repression rumheulen ohne sich und sein Handeln zu hinterfragen – nur kann ich nicht verstehen, wie hier die Stadionverbote pauschal ausgesprochen werden. Weder hat ein Richter die Schuld meiner Freunde bestätigt, noch wurden Videoaufzeichnungen geprüft. Bis zum Wochenende erhielten 48 Personen ein Stadionverbot. Ein schwerer Schlag für die CFHH, gerade auch zum momentan grenzenlosen Aktionismus zur Blockerweiterung zur nächsten Spielzeit wo uns innerhalb einiger Tage das Herz mitten aus der Brust gerissen wurde. Es wirkte wie eine Todesliste die im Internet veröffentlicht wurde, stündlich wurde die Liste erweitert, wer in den nächsten Jahren vor den Stadiontoren stehen muss. Auch wenn der Vergleich vielleicht etwas hinkt, aber so ähnlich stell ich mir eine Liste nach einem Erdbeben vor, wo gehofft wird dass seine Angehörigen nicht auf der Liste erscheinen. Und Jungs da draußen, wenn ihr in der Kneipe diesen Artikel lest, ihr alle seit meine 48 Angehörigen. Meine Wut gegen den DFB als Aussteller dieses Verbotes ist in den letzten Tagen gestiegen. Ich möchte gerne wissen, was in den Köpfen des Sicherheitschefs Spahn bei der Vergabe vorgeht. Es werden 48 Leute aus ihrem sozialen Umfeld gerissen! Minderjährigen wird das genommen, was ich in den letzten 15 Jahren Woche für Woche in den Stadien erleben durften. 48 Leute werden diskriminiert, als Kriminelle und Verbrecher angesehen. Und vor allem, wie will der DFB bei einer Differenzierung, die stattgefunden haben soll, entschieden haben, dass die Person nun gefährlicher sein soll, als andere, die noch ins Stadion dürfen. Das es nach der 10-Jahresfahrt noch Ärger geben würde war klar. Nur in diesem Ausmaß?! Für nachweislich Unschuldige ist dies ein Gefühl, welches mich den Rechtsstaat Deutschland in Frage stellen lässt. Ich bin von meinen Eltern so erzogen worden, dass ich immer ehrlich und gerecht sein soll. Nur für wen soll ich das sein? Wenn uns unser Rechtssystem eine andere Methode vorlebt. Warum wartet der DFB bei der Stadionverbotsvergabe nicht so lange, bis ein rechtskräftiges Urteil gefällt ist? Damit es auch der letzte Laie versteht: Wenn ich im Edekamarkt Bergedorf beim Klauen erwischt werde, erhalte ich dann für alle Supermärkte Deutschlands ein Hausverbot? Das käme zumindest der Stadionverbotsproblematik gleich. Oder noch besser: Wenn ich grölend den Briefträger anpöbele und im späteren Polizeiverhör nachgewiesen wird, dass ich gerade auf dem Weg zum Edekamarkt war, müsste ich dort ja auch ein Hausverbot bekommen, oder?
Leute, diese Beispiele sind nicht übertrieben. Wacht auf, das ist die Realität! Es wird Leuten für 2,5 Jahre ihre Liebe und Leidenschaft genommen. Ich kenn Leute, die zukünftig vor den Stadiontoren stehen müssen, die seit Jahren auf den HSV fokussiert sind. 7 Tage in der Woche an den HSV denken und für ihn arbeiten, und da will mir einer erklären, dass dies alles kollektive Verbrecher sind?! Es werden Leute ausgesperrt mit denen ich seit über 10 Jahren befreundet bin, mit denen ich unzählige Geschichten erlebt habe, auf die mein Leben aufbauen und die in all den Jahren noch nicht einen Gewaltausbruch zeigten. Ich habe mit diesen Freunden unzählige Stunden in kalten Stadien gezittert, die tollsten Sachen erlebt und das alles will uns nun jemand nehmen? Dort möchte ein Büroesel entscheiden, dass diese Personen ein Risiko für die restlichen Stadionbesucher darstellen?
Der Weg ins Stadion war katastrophal! Die Erzählungen untereinander nicht so eifrig und witzig wie bei den vorangegangen Spielen, sondern bestanden nur auf kurzem Informationsaustausch über den schlechten Gemütszustand und innigen Umarmungen, dass zumindest für einen kleinen Teil das Leben trotzdem weiter gehen muss. Unsere Stadionverbotler hatten sich zwischenzeitlich vor der Colorline Arena eingefunden und wurden von uns mit einem Spruchband aus dem Stadion gegrüßt. Ein ungemein emotionaler Akt für beide Seiten. Es erinnerte irgendwie an einen Gefängnisbesuch, wo man seinem Liebsten vorm Knast noch Küsse zuflattern lässt oder anhand eines Spruchbandes seine Trauer und Sehnsucht äußert. Einigen von uns kullerten Tränen durchs Gesicht und ich denke, dass es außerhalb nicht anders gewesen sein wird.
Die Atmosphäre im Block war komisch. Das sie schlechter als die letzten Spiele war, steht außer Frage – war mir allerdings auch scheißegal. Meine Stimme war wie gelähmt und auch wenn ich SMS von den Ausgesperrten bekam noch lauter für sie mitzusingen, ging es einfach nicht. Es fehlt an allem! Keine vertrauten Gesichter, keine funkelnden Augen voller Leidenschaft und Adrenalin und keine Diskussionen darüber, dass die anderen Blöcke doch sowieso nicht mitmachen. Wir hatten uns vorher entschieden nicht in einen Stimmungsboykott zu treten, da dies in einem großen Bundesligastadion sowieso untergehen würde und vor allem ganz wichtig: DA DAMIT DIE FALSCHE SEITE GEWONNEN HÄTTE UND UNS ZUM SCHWEIGEN GEBRACHT HÄTTE! Unsere Gedanken waren bei unseren Jungs draußen, so dass wir ein kleines Fleckchen im Block freiließen und dort eine Fahne mit der Aufschrift „Euer Platz bleibt in der Kurve“ postierten. Mich überkam jedes Mal eine Gänsehaut als ich in diese Leere des Blocks schaute, dort wo sonst ein junger Mann mit zurückgegelten Haare „Auf geht’s Hamburg….“ anstimmte, dort wo sich unsere Jungs an den Trommeln die Hände blutig arbeiteten oder wo an der Stange in den letzten Wochen das Epizentrum des Blocks lag. Dort wo die Jungs aus dem Verschlag das Material in den Block trugen oder dort wo auf der anderen Blockseite unser Ticketmensch stand. Es ist schwierig alle Ausgesperrten aufzuzählen, aber jeder einzelne wird mir in den nächsten Jahren fehlen. Verdammte Scheiße, ist das alles hart ohne euch!
Ein Dank geht an dieser Stelle übrigens noch an PT, die uns mittels Spruchband „Kämpft CFHH und UH“ ihre Solidarität ausdrückten. Nach dem Spiel ging es im gewohnten Marsch zum Stellinger Bahnhof. Wir hatten vorher im Block jeden dazu aufgefordert uns als Zeichen gegen pauschale Stadionverbote dabei zu unterstützten, so dass wir unseren Marsch mit knapp 300 Leuten antraten. Vorm Stellinger Tunnel stoppten wir, um unseren Freunden draußen unser neues Lied „Jungs vor den Stadiontoren – ihr seid immer bei uns“ vorzusingen. Das was sich in den nächsten Minuten am S-Bahnbahnhof abspielte, werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. Unser Haufen näherte sich unseren ca. 50 Verbotlern, beide Seiten standen sich 20 Meter gegenüber und die Cops taten das einzig Richtige, in dem sie diese emotionale, bewegende Situation checkten und sich von Ort und Stelle verpissten. Wir drückten unseren Stadionverbotlern aus, dass wir mit unserem Herzen mehr denn je bei ihnen sind und sie nicht aufgeben sollen. Aus fast jedem brach es danach heraus, der emotionalste und schwerste Moment den ich jemals in der CFHH erlebt habe. Fast jedem tränten die Augen und es tat gleichzeitig ungemein weh wie es auch schön war unsere Ausgesperrten in die Arme zu schließen. Vielleicht mag es ein Außenstehender nicht verstehen was in uns vorgegangen ist. Es war aber ein wundervolles Gefühl wie tief die Gruppe mittlerweile ineinander verwurzelt ist. Jungs, ihr seid immer bei uns. Haltet durch! Ich weiß genau wie ihr euch fühlt – die Ehrlichkeit und Gerechtigkeit wird siegen, auch wenn wir für diesen Weg so schwer leiden müssen. ULTRAS