Beo hat geschrieben: ↑4. Mai 2021, 01:50
Stell dir vor, du hättest gerade den Cup-Viertelfinal auswärts in Lugano gewonnen und wärst auf der feuchtfröhlichen Rückfahrt im Extrazug. Die paar wenigen Nasen, die es sich nicht leisten können, am nächsten Morgen etwas verkatert zur Arbeit zu kommen, schauen sich auf dem Handy die Zusammenfassung der Partie noch einmal an und warten gebannt auf die Auslosung. Die Spannung steigt - und dann, endlich: Brügglifeld Olé! Wie geil!
Schnell kommen Erinnerungen hoch - an die letzten beiden spektakulären Cup-Partien in Aarau (5:2 und 5:3 - viel Rauch und Regen!), aber auch an Fanmärsche durch’s Einfamilienhausquartier (damals noch ohne Reichkriegsflaggen), chaotische Zustände an den Drehkreuzen und an den Fackelspiess!
Zudem: Alle Gästefans werden hochmotiviert sein (die Heimfans auch!) - eine verrückte Atmosphäre ist eigentlich garantiert - und das ist doch ein markanter Unterschied zu den vergangenen Luzerner Cuphalbfinals in der halbleeren Plastikschüssel gegen Thun, gegen Lugano…. So wird denn auch der Gästesektor restlos ausverkauft sein - der Vorverkauf an der Zone 5 löst zeitweise sogar Verkehrsblockaden auf dem Bundesplatz aus (und der Scherom vom Pfadiblatt feiert das sogar noch ab!). Alle wissen: die Tür zum Final steht sperrangelweit offen, ja und dann? Servette oder St. Gallen - der Traum ist greifbar! Wenn werd’s mol wieder rechtig Sommer… Vision 2021… Fussballfeste feiern… Titel gewinnen!
Auf jeden Fall: Euforie!
Ich wäre schon Tage vor dem Spiel kribbelig, die Vorfreude und Anspannung würde wie eine (gelungene) Ballonchoreo stetig ansteigen und beim Anstoss endlich ihren Höhepunkt erreichen…!
Stell dir das mal vor!
Aber: der Verband hat dem Cup durch die Modusanpassung seine Seele geraubt, ein Achtelfinalist musste sich unverschuldet zurückziehen, die Anspielzeiten sind ein schlechter Witz (soll ich die erste Halbzeit auf dem Handy in der S-Bahn schauen, oder am Arbeitsplatz auf dem Beamer?)…
Dass die Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden - dafür können weder Verband noch FCL etwas. Das finde ich zwar schade, ich kann aber auch nachvollziehen, dass der Fussball nicht einfach mal so anderthalb Jahre pausieren kann.
Aber das ist nicht einmal der Hauptgrund, weshalb ich leider keine Vorfreude verspüre:
Ich habe mir nämlich in den letzten Monaten oft die Frage gestellt, was es für mich eigentlich bedeutet, Fan zu sein: Für mich hängt MEIN Fan-Sein ganz eindeutig mit dem Stadionerlebnis, dem Matchtag-Feeling, dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit Ähnlichfühlenden, ja, von mir aus dem „Event“ zusammen - auch wenn ich mir diesen „Event“ oft deutlich anders verstehe als die Herren von der Liga. Und schlussendlich: Ich will dabei sein, wenn „meine“ Luzerner gewinnen (oder verlieren), ich brauche diese Emotionen, mir gibt das eine Energie, die ich in dieser Form nirgendwo sonst verspüre! Ich gebe zu, dass diese Sichtweise vielleicht ein bisschen egoistisch ist, aber ich kann dazu stehen. Andere Fans mögen ihr Fan-Sein anders verstehen, und das ist auch piccobello so!
Aus diesem Grund war ich in den letzten Jahren auch grundsätzlich an jedem Match dabei - und wenn ich mal nicht konnte, dann hatte das gute Gründe. Deswegen lässt sich die Anzahl FCL-Spiele, die ich in den letzten Jahren am TV gesehen habe, an einer Hand abzählen. Auch das (zugegeben) gut gemachte und sympathische FCL-Radio lässt bei mir diese Fangefühle nicht einmal ansatzweise aufkeimen. Hin und wieder ganz okay, wenn ich am Sonntagnachmittag sonst nichts zu tun habe, aber als Hauptbeschäftigung? Sorry, zieht bei mir nicht… ich hab’s probiert.
So, und jetzt zum Cup: Ich würde dem FCL nie eine Niederlage wünschen.
Aber die Möglichkeit, dass der FCL dieses Jahr tatsächlich in den Final einzieht, löst bei mir aus den geschilderten Gründen auch keine Freudensprünge aus - eher Frustration.
Ich war, wie viele hier wohl auch, am 28. April 2018 in Bern dabei. Die Emotionen, nach langer Durststrecke endlich wieder einmal (gefühlt)
zusammen etwas zu gewinnen (Team, Fans, eine ganze Stadt!), waren beeindruckend und waren brutal anders als den ungefähr 734sten FCB-Meistertitel in Folge mitzuerleben (da durfte der FCL ja auch regelmässig Figurant spielen). Für mich, der viel zu jung ist, um einen Titelgewinn des FCL miterlebt zu haben, war spätestens dann klar: Das will ich auch einmal erleben!
Aber doch nicht in einem Geisterspiel. Ohne die geilste Extrazugrückfahrt ever. Ohne Titelfeier. Ohne Freinacht. Es wäre ein Jammer!