«SonntagsZeitung» vom 19.12.2004, Seite 45
Kommentar
Die Grössenwahnsinnigen sind unterwegs
Thomas Schifferle über den Niedergang des Fussballs in der französischsprachigen Schweiz
Bevor der FC Basel 1953 erstmals Meister wurde, hatte Lausanne sechs Titel gewonnen und Servette elf. Und bevor der FCB die Champions League überhaupt als Ziel entdecken konnte, träumte sogar der FC Sion vom Einzug in Europas Elite. Die Lausanner waren einst die gefeierten Könige der Nacht. Die Walliser verstanden ihren Klub als Ausdruck der Auflehnung gegen alles, was nicht aus ihrem Tal kommt. Servette bleibt an Meistertiteln gemessen noch auf viele Jahre hinaus die nationale Nummer 2 hinter GC.
Lausanne war der Klub, der Chapuisat und seine Copains ausbildete und Anfang der 90er- Jahre viel zum Aufblühen der Nationalmannschaft beitrug. Sion prägte die Geschichte des Cups auf besondere Art. Servette zog zum Zeichen des Aufbruchs in ein modernes ( EM-) Stadion. Und heute? Lausanne ist nach seinem Bankrott in der 1. Liga versunken, Sion wendete nur dank juristischer Zwängerei den Zwangsabstieg in die 1. Liga ab. Servettes Zustand ist so marode wie die alte Charmilles, die der Klub vor zwei Jahren hinter sich liess.
Das illustre Trio ist nicht die Ausnahme in der Geschichte des Schweizer Fussballs. Es gab auch die Fälle von Lugano, Luzern, Wettingen, Winterthur, YB, Wil, St. Gallen oder, man hat es fast vergessen, Basel. Aber Lausanne, Sion und Servette stehen für den Niedergang des Fussballs in der französischsprachigen Schweiz. Sie alle sind Opfer geworden von verhängnisvollen Fehlentwicklungen über Jahre hinweg, und es sind diese Entwicklungen, die den Grössenwahnsinnigen Tür und Tor geöffnet haben, ihr Unwesen zu treiben. Die Verwantwortlichen des französischen Pay- TV- Senders canal+ hatten Ende der 90er- Jahre die Idee, mit einem Engagement beim Servette FC Anteile auf dem Schweizer Markt zu gewinnen. Nach fünf Jahren der Verluste zogen sie sich still zurück und liessen ein finanziell taumelndes Servette zurück. Schon damals, im Herbst 2002, wollte Marc Roger einen Fuss in die Tür stellen. Wegen der schlechten Erfahrungen von Lausanne mit Waldemar Kita und von Sion mit Gilbert Kadji war man in Genf vorsichtig und verzichtete auf seine Dienste. Diesen Sommer gab es niemand mehr, der die Lust verspürte, sich bei Servette zu engagieren. Man war froh um Roger. Dass seine Vergangenheit als Spielervermittler undurchsichtig ist, schreckte in der Not keinen mehr ab.
In Lausanne war Jean- François Kurz froh gewesen, die Verantwortung an Kita abzutreten. In Sitten war man nach dem Irrlauf von Christian Constantin froh um Kadji. Auch das sind Parallelen, die über die schlechte wirtschaftliche Verwurzelung der Vereine in ihrer Region viel aussagen: Im Ernstfall helfen, aus welchen Motiven auch immer, oft nur Ausländer.
Kita ist Franko- Pole, Kadji Kameruner, Roger Franzose. Es passt, dass Sion nach der dubiosen Episode mit Kadji die Rückkehr jenes Mannes brauchte, der ihn einst mit 15,6 Millionen Franken Schulden in den Ruin getrieben hatte: Constantin.

