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Engagierter FCL erntet Lob - aber keine Punkte
Luzerns Zeit der Ungeschlagenheit ist vorüber. Trotz der 1:2-Niederlage in St. Gallen wies das Spiel des FCL erneut Lichtblicke auf.
Es war irgendwie bitter aus Sicht der Gäste: Da boten die Luzerner am Samstag auf dem Espenmoos in den ersten 45 Minuten eine der besten Halbzeiten der Rückrunde und mussten am Ende des fünften Spiels im neuen Jahr doch erstmals als Verlierer vom Feld.
Nach diesem 1:2 müssen sich die Luzerner primär selber an der Nase nehmen. Einerseits schlugen sie aus den vorhandenen Chancen - insbesondere vor der Pause (Seoane/Wiss/Lustrinelli) - zu wenig Kapital, andererseits zeigte der FCL im Abwehrverhalten erstmals in der Rückrunde gedankliche Aussetzer, die in dieser Häufigkeit noch nicht zu beobachten waren.
Starker El Idrissi
Dass die Luzerner anfänglich zu mehreren guten Chancen kamen, lag insbesondere an El Idrissi. Der Franko-Marokkaner, der für den verletzten Shi Jun die Rolle als zweite Sturmspitze neben Topskorer Lustrinelli übernahm, zeigte seine bisher beste Leistung im Luzerner Dress. Lauffreudig, zielstrebig, ballgewandt und mit einem guten Auge für die Mitspieler hatte der 30-Jährige bei jeder gefährlichen Aktion der Gäste seinen Fuss im Spiel. Nachdem er die frühe Führung (2.) zunächst verpasst hatte, machte es El Idrissi in der 27. Minute besser, als er ein perfektes Zuspiel von Lustrinelli entschlossen zum 1:0 in die hintere Torecke setzte. Und nur acht Minuten später war es erneut derselbe Spieler, der seitlich vor dem Tor herrlich für Seoane auflegte. Der FCL-Mittelfeldspieler traf aber aus wenigen Metern den Ball auf dem holprigen Boden nicht und vergab damit das vielleicht vorentscheidende 2:0.
1:1 als Knackpunkt
Dass dem wirbligen Fernandez nur Augenblicke später das 1:1 gelang, weil er nach einem Prellball vor dem Tor entschlossener als die zögernden Luzerner zum Kopfball ging, bedeutete so etwas wie den Knackpunkt in dieser intensiven und attraktiven Partie. Dieser Treffer wirkte auf die St. Galler wie eine Befreiung. Plötzlich liefen die Ostschweizer mehr, entschieden die Zweikämpfe häufiger für sich und erspielten sich in der restlichen Spielzeit auch die besseren Torchancen. Eine davon führte in der 52. Minute bereits zum Siegtreffer. Einen sehenswerten Konter über Gjasula, Aguirre und Callà schloss schliesslich Aguirre mit dem 2:1 ab.
Den ersten Rückstand in der Rückrunde überhaupt konnte der FCL nicht mehr wettmachen, weil die St. Galler sich defensiv nun besser auf den Gegner eingestellt hatten.
Das Lob von Balakow
Dass die Luzerner trotz der Niederlage allerdings auch im fünften Spiel 2008 einen guten Eindruck hinterlassen hatten, bestätigte nach dem Spiel Krassimir Balakow. «Ich weiss nun, weshalb Luzern viermal in Folge gewonnen hat», sagte St. Gallens Trainer anerkennend. «Ich bin nach dem heutigen Spiel froh, dass wir nicht sofort wieder gegen diesen Gegner spielen müssen.»
Alex Trunz, St. Gallen
FC St. Gallen - FC Luzern 2:1 (1:1)
Trainer Krassimir Balakov
Lopar 4,5
Zellweger 4,5 Koubsky 4,5 Schneider 4,5 Weller 4,5
Callà 4,5 Gelabert 5 Muntwiler 4 Gjasula 4,5
Fernandez 5 Aguirre 4,5
Lustrinelli 4,5
El Idrissi 5
Chiumiento 4 Lambert 3,5
Seoane 4,5 Wiss 4,5
Lustenberger 4 Diarra 4 Veskovac 4 Schwegler 3,5
Zibung 4,5
Trainer Ciriaco Sforza
Espenmoos: 11 300 Zuschauer SR Busacca
«Es sind Welten im Vergleich zum Start»
Das 1:2 des FCL in St. Gallen war die erste Niederlage 2008. Für Sportchef Bruno Galliker ist das kein Grund zur Sorge - er sah im Espenmoos weitere Fortschritte.
Im engen Sitzungsraum im Bauch des Stadions Espenmoos herrschten Platzmangel und gute Stimmung. Vorne am Tisch sassen zwei zufriedene Trainer: Der eine, weil er Sieger war; der andere, weil er trotz Niederlage eine Vorstellung gesehen hatte, über die er trotz Leistungsabbau nach der Pause vorwiegend lobende Worte verlor. St. Gallens Coach Krassimir Balakow sass neben seinem Luzerner Kollegen Ciriaco Sforza, beide sichtlich zufrieden und angetan vom Fussball, den sie soeben gesehen hatten. Sforza, der gestern seinen 38. Geburtstag feierte, war zwar der Verlierer, sprach aber nur von einem «Unfall», der nach vier Siegen verursacht worden war, «weil wir zweimal nicht konzentriert waren».
Dieses 1:2 verdarb Sforza keineswegs die Laune, und die erste Niederlage 2008 raubte Sportchef Bruno Galliker nicht den Schlaf. Anderntags nannte er Gründe, die ihn für den weiteren Verlauf der Rückrunde positiv stimmen.
Bruno Galliker, Ciriaco Sforza bezeichnete die Niederlage in St. Gallen als Unfall. Teilen Sie die Einschätzung?
Bruno Galliker: Man kann es so nennen, ja. Der Match hat gezeigt, dass wir in der Liga mithalten können. Und wir haben unseren Teil dazu beigetragen, dass die Zuschauer eine sehr attraktive Partie sahen. Die Effizienz war nicht die gleiche wie in den letzten Spielen, und wir haben dem Gegner auch mehr Chancen zugestanden als zuletzt Zürich. Aber trotzdem haben wir einen guten Eindruck hinterlassen, weil wir uns so viele Tormöglichkeiten wie in keinem Spiel bislang erarbeitet haben. Und letztlich verloren wir gegen eine Mannschaft, die im Aufwind ist. Es war das stärkste Team, das uns in der Rückrunde begegnet ist.
Ist der FCL stabil genug, um ein Negativerlebnis problemlos wegzustecken?
Galliker: Wir sind robust genug, um das 1:2 sofort zu verarbeiten und gegen Sion eine Reaktion zu zeigen, davon bin ich überzeugt. Die Mannschaft strahlt eine Sicherheit aus, ohne deswegen gleich überheblich zu wirken. Sie weiss, dass sie Spiele ohne Gegentor überstehen kann. Natürlich wäre mir ein Punkt in St. Gallen lieber gewesen, dann wären wir auf beruhigender Distanz zu den Ostschweizern geblieben. Und doch mache ich mir jetzt nach dieser Niederlage keine Sorgen.
Trotzdem: Die Gefahr, in der Tabelle schnell wieder abzurutschen, bleibt weiterhin sehr gross.
Galliker: Wir brauchen noch einige Punkte, um den Ligaerhalt zu sichern, das ist klar.
Wie viele?
Galliker: Im Winter ging ich von 36, 37 aus. Möglicherweise reicht das aber nicht einmal, wenn es so weitergeht wie bis anhin und Thun möglicherweise stehen bleibt. Dann droht einigen Vereinen der Barrageplatz. Aber noch einmal: Angst habe ich keine um uns.
Woher nehmen Sie diese Sicherheit?
Galliker: Wir haben uns seit dem Start kontinuierlich gesteigert …
… bis zur Niederlage in St. Gallen?
Galliker: In St. Gallen sah ich weitere Fortschritte. Es sind insgesamt Welten im Vergleich zum Start gegen Xamax.
Das müssen Sie erklären.
Galliker: In Neuenburg war im Team eine gewisse Unsicherheit zu spüren, und seien wir ehrlich: Sehr viele Chancen erspielten wir uns gegen Xamax nicht. Wir standen defensiv solid, siegten schliesslich, und das war wichtig. In St. Gallen habe ich aber eine Mannschaft gesehen, die mit selbstbewussterer Haltung auf dem Platz stand als noch in Neuenburg. Die Körpersprache der Spieler war eine ganz andere, keiner entzog sich der Verantwortung. Wir haben in St. Gallen zwar keine Punkte geholt, aber die Entwicklung unserer Mannschaft ist unverkennbar.
Von Peter Birrer, St. Gallen