das ganze interviewdragao hat geschrieben:http://www.20min.ch/news/schweiz/story/ ... r-15972040
Tagesanzeiger vom 23.06.2009
«Gewalt verschwindet nicht, nur weil sie nicht mehr im Stadion ist»
Prügelnde Fangruppen funktionierten wie Männerbünde im Mittelalter, sagt Historiker Thomas Busset. Sie sollten für die Bekämpfung der Gewalt im Fussball beigezogen werden.
Mit Thomas Busset* sprach Dario Venutti
Die letzte Fussballmeisterschaft endete mit Krawallen nach dem Spiel FCZ - FCB und vor dem Cupfinal YB - Sitten. Nimmt die Gewalt zu?
Man kann sich nur bedingt auf die Angaben der Polizei abstützen: In Bern verschickt die Polizei beim kleinsten Ereignis eine Mitteilung, in Basel dagegen ist sie zurückhaltend. Gewalt gibt es im Schweizer Fussball seit Beginn der 80er-Jahre. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der Anteil der Spiele mit Problemen in den letzten Jahren zugenommen hat.
Warum ist das so?
Die Ultras, die eingefleischten Fans, haben die traditionellen Hooligans weitgehend abgelöst. Ultras wollen Akteure im Stadion sein. Sie sind laut, sie zünden Pyrotechnik und machen Choreografien und unterstützen auf diese Weise ihre Mannschaft. Ultras identifizieren sich sehr stark mit ihrem Verein, der Stadt oder der Region und betonen in Zeiten der Globalisierung das Lokale. Insgesamt schaffen sie im Stadion eine Stimmung, die von starken Emotionen geprägt ist.
Und von Gewalt?
Ultras gehen in erster Linie wegen des Fussballs an die Spiele. Im Gegensatz zu den Hooligans geht es ihnen nicht um Gewalt, sondern um ihr Team. Dennoch ist ein latentes Gewaltpotenzial vorhanden: Es brodelt während des gesamten Spiels, und manchmal kommt es zum Ausbruch. Gewalt entsteht situativ und ist kaum voraussehbar.
Was begünstigt den Ausbruch von Gewalt?
Bei sehr wichtigen Spielen entladen sich die Emotionen leichter, beispielsweise beim Cupfinal oder beim Match FC Zürich - FC Basel. Oder wenn sich eine Ultra-Gruppierung von einer gegnerischen provoziert fühlt. Das Problem hier ist: Was ist eine Provokation? Oft dient sie einfach als Rechtfertigung für eine Schlägerei. Man muss jedoch kein Ultra sein, um gewalttätig zu werden: Am grossen Krawall nach dem Spiel Basel - Zürich am 13. Mai 2006 beteiligten sich einige, die man landläufig als «Normalfans» bezeichnen würde.
Warum schliesst man sich in Ultragruppierungen zusammen?
Rivalitäten zwischen Gruppen junger Männer sind überhaupt nichts Neues. Auch nicht, dass dabei Gewalt im Spiel ist. Man kennt das Muster bereits im Mittelalter: Schlägereien zwischen Burschen benachbarter verfeindeter Dörfer oder zwischen organisierten Handwerksgesellen in den Städten. Auch bei diesen Prügeleien ging es oft um Symbole und das Abstecken des eigenen Territoriums. Wenn heute beispielsweise die Basler Fans vom Bahnhof Altstetten in den Letzigrund marschieren, erobern sie symbolisch das Territorium der FCZ-Fans. Dies erfordert von Letzteren eine Reaktion, um sozusagen die eigene Ehre wiederherzustellen.
Auffallend ist, dass Ultragruppierungen hauptsächlich aus jungen Männern bestehen.
Die Geschichte zeigt, dass sich junge Männer immer wieder in Männerbünden zusammentun. In der Adoleszenz ist ihre Identität brüchig. Sie sind keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Für die Stellung von jungen Männern innerhalb ihrer Gruppe ist es wichtig, Gefahrenprüfungen zu bestehen. Sie verschaffen sich damit Respekt.
Die Gewalt im Fussball wird mit dem «Bundesgesetz zur Wahrung der inneren Sicherheit», dem sogenannten Hooligangesetz, bekämpft. Die Polizei führt Datenbanken, spricht Stadion- und Rayonverbote aus und kann Fans in Gewahrsam nehmen. Gefährden Fussballfans die verfassungsmässige Ordnung der Schweiz?
Es ist verhältnisblödsinnig, Fussballfans mit Terroristen gleichzusetzen. Hier hat die Linke gewissermassen ein Eigentor geschossen: Sie hat lange auf dem Bild der rechtsextremen Hooligans beharrt und sich somit, explizit oder implizit, der Forderung angeschlossen, dass Fans vom Inlandgeheimdienst beobachtet werden. Der Hooligan-Begriff ist gummig, und die Beobachtung und Fichierung kann auf andere Bereiche ausgeweitet werden, zum Beispiel auf politische Demonstrationen.
Sind Fussballfans apolitisch?
Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland oder England versuchte die Rechte, Fussballfans zu unterwandern und zu rekrutieren. Doch sie hatte kaum Erfolg. Heute bemühen sich Exponenten der Ultraszene um politische Neutralität: In der Kurve kann jeder denken, was er will, aber er soll es bitte für sich behalten. Der militante Fan sieht seinen Gegner oder Feind in der gegnerischen Kurve. Er interessiert sich nicht für etwas, das nur schon den Anstrich von national hat: Die Ultras in der Schweiz sind nicht willens, miteinander die Nationalmannschaft zu unterstützen. Die Rivalität unter ihnen ist zu gross.
Hat die Gewalt einzig damit zu tun, dass sich junge Männer in Gruppierungen zusammenschliessen?
Die Gewalt kann als Ausdruck einer Unzufriedenheit gegenüber der Gesellschaft interpretiert werden. Ich denke, dass sie auch mit der Repression der letzten Jahre zu tun hat. Fussballfans werden zunehmend kriminalisiert, wie das Beispiel Pyro zeigt. Obwohl das Abbrennen von Pyromaterial gesetzlich verboten ist, kann der Fan nicht verstehen, dass dies pauschal als Delikt bezeichnet wird. So wird gar nicht unterschieden, ob jemand Fackeln zündet als Ausdruck der Hingabe zu seiner Mannschaft oder ob jemand Fackeln auf Zuschauer wirft, was kriminell ist. Die Kriminalisierung bewirkt, dass sich die Fans noch stärker solidarisieren. Das nützt vor allem den Radikalen unter ihnen.
Was soll man tun?
Nach jedem Ereignis spielt sich das gleiche Ritual ab: Die Empörung ist so gross, dass man meinen könnte, jetzt breche ein Bürgerkrieg aus. Dann übertrumpfen sich Politiker und sonstige Akteure mit meist repressiven Vorschlägen. Schliesslich schieben sich Vereine, Behörden und Polizei gegenseitig die Verantwortung zu. Am Ende passiert kaum etwas. Solange die verschiedenen Seiten nicht begreifen, dass jeder einen Teil der Verantwortung trägt, wird sich daran nichts ändern.
Der runde Tisch zur Bekämpfung von Gewalt im Sport, dem Bundesrat Ueli Maurer vorsteht, ist doch ein Gremium, an dem alle Beteiligten diskutieren.
Ich weiss nicht, welche Massnahmen der runde Tisch vorschlägt. Aus meiner Befragung von Fussballfans weiss ich allerdings, dass jede Massnahme, die ohne Einbezug der Fans zustande kommt, praktisch chancenlos ist. Die Fans sehen sich dann herausgefordert, alles zu sabotieren oder zu unterlaufen, das beschlossen wurde.
Was würden Sie konkret machen?
Es gibt auch seitens der Sozialwissenschaften keine Patentlösung. Das sogenannte Hooligan-Gesetz ist noch nicht lange in Kraft, und schon will man neue gesetzliche Massnahmen ergreifen, ohne zu warten, ob die bestehenden greifen. Auch im präventiven Bereich wurden in den letzten beiden Jahren Initiativen ergriffen. Ich wünschte mir, dass auch Fans, trotz allen Hindernissen und zum Teil berechtigten Zweifeln, an der Suche nach Lösungen mitbeteiligt werden.
Immer wieder wird England als leuchtendes Beispiel genannt, das Gewaltausbrüche der Fans unterbunden habe.
Da frage ich mich, ob das überhaupt stimmt. In England hat sich die Gewalt in untere Ligen verlagert. Weil dort die Medien wenig präsent sind, wird auch wenig darüber geredet. Zudem hat England das Problem der Jugendgewalt überhaupt nicht gelöst. In London und andernorts bilden sich Jugendbanden, und es gab erst kürzlich wieder einen Toten, der kaum 12 Jahre alt war. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass das Gewaltproblem gelöst ist, wenn es nicht mehr im oder ums Stadion auftritt.
* Thomas Busset ist Historiker an der Universität Neuenburg. Für eine Nationalfondsstudie über radikale Fussballfans hat er mit Anhängern aus dem harten Kern des FC Basel, der Young Boys und von Servette vertiefte Interviews geführt. Thomas Busset (et al.): Le football à l’épreuve de la violence et de l’extrémisme. Verlag Antipodes, Lausanne 2008



