NZZ am Sonntag vom 03.03.2013 hat geschrieben:
Das Fundament bröckelt
Nach den Erfolgen im Vorjahr ist der FC Luzern in der Krise. Der zurückgetretene Präsident Walter Stierli hat noch immer das Sagen, und die neue Führung hat wenig Gestaltungsraum. Von Stephan Ramming
Die Luzerner Allmend strahlt golden. Der Baustellen-Muff ist verflogen, die zwei messingfarbenen Wohntürme recken sich zur Wintersonne, und das im August eröffnete Sportgebäude mit Hallenbad, Turnhallen und Fitnesszentrum funkelt. Man fühlt sich in einem Wirklichkeit gewordenen Stadtplaner-Traum. Und auch dem Fussballstadion, dem dritten Teil des prunkvollen architektonischen Ensembles, ist von aussen nicht anzusehen, dass der lokale Fussballklub darbt.
Trübsal herrscht in der schmucken Arena. Nur anderthalb Jahre seit der Eröffnung und nach einer erfolgreichen Saison mit Cup-Final und Rang 2 in der Meisterschaft zeigt sich, dass der FC Luzern noch nicht angekommen ist in seinem neuen Palast. Die Euphorie der letzten Saison hat sich ins Gegenteil verkehrt, der FCL steht auf bröckligem Fundament. In der Meisterschaft turnen die Innerschweizer am Tabellenende herum. Nur zwei Punkte schauten in den vier Spielen in diesem Jahr heraus, nach dem 0:4 in St. Gallen vor einer Woche droht das Tabellenende. Lokale Medien erklären die Heimspiele gegen Thun (gestern) und Servette (nächste Woche) im Vorfeld zu Schicksalsspielen. Der Abstieg wäre für den Klub mit einem Budget von derzeit rund 20 Millionen Franken eine mittlere Katastrophe.
Kontrolle aus der zweiten Reihe
«Ich verkünde keine Durchhalteparolen», sagt der Trainer Ryszard Komornicki, «wir müssen Punkte holen, dafür arbeiten wir.» Komornicki hat sich für die obligatorische Medienkonferenz am Donnerstag vorgenommen, in entspannter Laune zu erscheinen. Am Tag nach der Niederlage in der Ostschweiz lungerten die Reporter auf der Allmend herum in Erwartung von Komornickis Entlassung. Sie warteten vergeblich. «Ich bin immer noch hier und erledige meinen Job», sagt der kantige Pole in einer Mischung aus Trotz, Realismus und Galgenhumor. Der 53-Jährige ist seit der Absetzung von Murat Yakin Ende August Trainer in Luzern.
Von Beginn an hatte Komornicki wenig Kredit. Seine Entlassung wurde wiederholt herbeigeschrieben und -geredet. Komornicki sagt: «Ich wusste, was mich in Luzern erwartet.» Zu Vorfällen der vergangenen Wochen und und zur schwierigen Situation im Verein will er nichts sagen. «Ich bin älter geworden und habe gelernt, Zurückhaltung zu üben», sagt Komornicki nur, «früher wäre das vielleicht anders gewesen.» Er lächelt. Er weiss, dass der Trainer die unmittelbare Verantwortung für die fehlenden Punkte trägt. Er weiss aber auch, dass die Misserfolge Ausdruck von tiefer liegenden Problemen in der Führung sind. Die kann er nicht lösen. Deshalb schweigt er.
Die zentrale Rolle im komplizierten FCL-Geflecht spielt Walter Stierli. Dem ehemaligen Präsidenten ist es nach dem Rücktritt im letzten Frühling nicht gelungen, gebührend auf Distanz zu gehen und den Nachfolgern Raum zur Entfaltung zu gewähren. Stierlis früherer Wunschtrainer Murat Yakin: nach dreizehn Monaten im Zwist entlassen. Stierlis Sportchef Heinz Herrmann: Trennung nach acht Monaten. Stierlis Präsident Mike Hauser: droht sich nach erst acht Monaten aufzureiben und hegt Rücktrittsgedanken.
Denn Stierli kontrolliert im Verwaltungsrat der «Löwen Sport und Event AG», der Hausbank und Dachgesellschaft des FC Luzern, noch immer alle wichtigen Entscheide. Es sei «eben nicht so einfach, einen Klub zu führen», sagt Stierli, in den Medien würden ständig Probleme erfunden, die nichts mit den Tatsachen zu tun hätten. Deshalb gebe er zurzeit keine Auskunft, die Investoren hätten dies gemeinsam entschieden.
Dass es Fragen gibt und was Stierli von «gemeinsamen Entscheiden» hält, war am Samstag im Lokalblatt «Neue Luzerner Zeitung» zu besichtigen. Stierli pflegt seit langem freundschaftliche Bande mit dem Chefredaktor und deponiert dort auch einmal wirkungsvoll Unmut über missliebige Berichterstattung. Im Interview verbreitet Stierli Durchhalteparolen, er streicht die Qualitäten von Ex-YB-Sportchef Ilija Kaenzig hervor, verspricht «neue Top-Spieler» und stellt am Rande fest, dass der «Investorengruppe das Know-how» fehle - ausser ihm. Man kann es auch so sagen: Stierli bestimmt die Richtung, die anderen bringen Geld.
Bernhard Alpstaeg, der von Stierli ins Geldgeber-Boot geholt worden war, mit seiner Firma Swisspor für 10 Millionen Franken die Namensrechte am Stadion besitzt und zusätzlich mit mehreren Millionen Franken den Klub alimentiert, ist der wichtigste Geldgeber. Alpstaeg wie auch der ägyptische Milliardär Samih Sawiris oder der Unternehmer Marco Sieber halten sich an die Abmachung, angesichts der offenen Personalie des künftigen Sportchefs und der allgemeinen Unruhe derzeit nichts zu sagen.
Unlängst hatte Alpstaeg Öl ins Feuer gegossen, indem er sich im «Blick» abschätzig über die Frisur von Heinz Hermann äusserte und Komornicki als «Mimose» bezeichnete. Darauf riet Kommunikations-Spin-Doctor Sacha Wigdorovits, der auch für Alpstaegs Unternehmen arbeitet, dem hemdsärmligen Patron zum Schweigen. Der ehemalige «Blick»-Journalist Wigdorovits weiss, wie man Schlagzeilen produziert, die Unruhe stiften.
Anders als Stierli ist Alpstaeg nach eigenen Aussagen weit weg vom Tagesgeschäft. Dort versucht der neue Präsident Mike Hauser, den Überblick zu bewahren. Der Hotelier, der wegen Winterferien in den vergangenen Tagen schwieg, bemüht sich zwar seit letztem Mai redlich, aus dem Schatten des Vorgängers zu treten und an Profil zu gewinnen. Doch der im Gegensatz zum polternden Stierli feinsinnige Hauser wird im Sandwich zwischen den Investoren und der ersten Mannschaft erdrückt.
Während Stierli etwa Ilija Kaenzig zum neuen Sportchef machen möchte, soll Hauser einen anderen Kandidaten bevorzugen. Der Konflikt ist absehbar, denn das Verfahren sieht vor, dass Hauser den Kandidaten vorschlägt und die Investoren lediglich ein Vetorecht besitzen. In Wirklichkeit aber bestimmen die Investoren die Personalie. Angeblich soll der Verlauf des Verfahrens darüber entscheiden, ob Hauser den Bettel hinschmeisst oder nicht.
Gegen- statt miteinander
Dass Investoren, Präsident und sportliche Leitung eher gegen- statt miteinander arbeiten, hat nicht zuletzt Auswirkungen auf die Mannschaft. Beispielsweise bevölkern sechs defensive, zum Teil teure Mittelfeldspieler das Kader, während in der Offensive Qualität fehlt. Murat Yakin konnte diesen Mangel mit taktischen Kniffen wettmachen, doch er blitzte im Sommer wegen Geldmangel ab mit der Forderung nach mehr Qualität im Sturm. Die Beziehung zwischen Yakin und Stierli war damals schwer belastet, nachdem Yakin bei einer Fan-Veranstaltung gesagt hatte, Stierli müsse noch lernen, nicht ständig das Telefon abzunehmen.
Mit dem Kompromiss-Transfer des Bulgaren Rangelov hatten die Luzerner kein Glück; der Stürmer verschoss wichtige Penaltys, wurde vom Platz gestellt, prügelte sich mit Mitspielern und wurde im Trainingslager tätlich gegen einen «Blick»-Reporter. Heinz Hermann, der für die sportliche Entwicklung zuständig gewesen wäre, hatte mit seiner ruhigen, in sich gekehrten Art in dieser Konstellation wenig Spielraum. Vor dem Rückrundenstart Anfang Februar wurde er entlassen.
Solche Situationen der Führungs- und Orientierungslosigkeit sind schlecht für das Klima im Team. So flirtete etwa Adrian Winter in diesem Vakuum vor dem Saisonstart mit einem Wechsel zu den Grasshoppers und versuchte angeblich bei Stierli, den Lohn in die Höhe zu treiben. Als beides scheiterte, trabte Winter tagelang geknickt auf dem Trainingsplatz herum. Das färbt ab. Wer ein Beispiel für einen schlecht gelaunten und maulfaulen Spieler besichtigen wollte, war am Donnerstag mit Stephan Andrists Auftritt an der Medienkonferenz perfekt bedient. Der Leihspieler vom FC Basel spielte die Rolle des personifizierten Missmuts in Vollendung. Passend zum Gesamtbild im FC Luzern.