29. Dezember 2004, 21:37, NZZ Online
Rochade zwischen Stadt und Land
Urs Schönenberger wird im FC Thun Nachfolger Latours
Nachdem Latour als neuer GC-Trainer von Thun nach Zürich gewechselt hat, geht ein Zürcher den umgekehrten Weg. Urs Schönenberger nimmt sich der Aufgabe an, Latours Erbe im FC Thun zu verwalten. Der 45-Jährige sagte selbstbewusst, das Ziel der in der Meisterschaft auf Platz 2 klassierten Mannschaft müsse sein, den Cup-Final zu erreichen und dem FC Basel möglichst lange auf den Fersen zu bleiben.
bsn. Thun, 29. Dezember
Zurückhaltung tönt anders ? zudem erstaunen derart ambitiöse Worte aus dem Mund eines Trainers, der bis anhin noch keine Mannschaft auf höchstem nationalem Niveau betreut hat.Doch der Reihe nach: Anlässlich der Verabschiedung Latours sagte der Sportchef Werner Gerber am 23. Dezember, der neue Trainer müsse ein anderes Anforderungsprofil erfüllen als Latour vor dreieinhalb Jahren, der Thun im Sommer 2001 als B-Klub übernommen hatte. Von ehemaligen Super-League-Trainern erhielt Gerber bald eine Absage (Koller, Schällibaum), andere fielen ausser Rang und Traktanden, weil sie nicht deutscher Muttersprache sind (Ryf, Geiger). Schliesslich luden die Thuner Verantwortlichen drei Kandidaten zu Gesprächen ein. Sie hätten «auf jedes Detail» geachtet, sagt Gerber; an Schönenberger habe dem dreiköpfigen Wahlausschuss gefallen, dass er «heiss ist und Biss zeigt».
Letzteren bewies der langjährige A-Spieler (FC Zürich, Bellinzona, Luzern) bei bisher sämtlichen Arbeitgebern ? und die ehrgeizige Arbeitsweise brachte ihm Erfolg. Winterthur führte er 2001 ebenso in die Aufstiegsrunde der Nationalliga B wie ein Jahr später Kriens. Luzern führte er im Herbst 2003 in die Spitzengruppe der zweithöchsten Spielklasse, mit YF Juventus schaffte er vergangenen Sommer die Promotion aus der ersten Liga. Der Erfolgsausweis ist beeindruckend ? Schönenberger findet dies ebenfalls und kann sich einen ebenso scherzhaft gemeinten wie von Selbstbewusstsein zeugenden Seitenhieb gegen seinen Thun-Vorgänger Latour nicht verkneifen: «Wäre ich im Frühling 2002 noch in Winterthur tätig gewesen, hätte Latour mit Thun den Aufstieg nicht geschafft.»
Schönenberger war damals nicht mehr Winterthur-Trainer ? denn vorzeitige Vertragsauflösungen sind in seinem Palmarès genau so häufig wie Erfolgsmeldungen.Wo Schönenberger auch ging ? er tat es nur bedingt in Minne. Am besten war das Einvernehmen zwischen Trainer und Klubführung noch in Winterthur, wo sich der Verein in finanzieller Schieflage befand und dem Trainer das Angebot von Liga-Konkurrent Kriens wie gerufen kam. Dort verzichtete er auf die regelmässige Nominierung von Präsidentensohn Reto Burri und postulierte gar ehrgeizige Ziele, was dem Präsidenten Tony Burri beides missfiel. In Luzern strapazierte er mit seiner fordernden Art primär das Nervenkostüm etlicher junger Spieler und zeigte kaum Kompromissbereitschaft. Und von YF Juventus verabschiedete er sich vor einem halben Jahr in Unfrieden, weil Präsident Michele Vecchiè und er in wichtigen Fragen anderer Meinung waren.
Schönenbergers Biographie vermittelt den Eindruck eines Trainers, der klare Vorstellungen verfolgt, welchen sich jedermann zu unterwerfen hat. Er selber wehrt sich gegen eine derartige Typisierung mitnichten ? sagt vielmehr trocken: «Ich mache sicher nichts, was dem Erfolg schädlich ist.» Werner Gerber wiederum meint, die regelmässig vorzeitig beendeten Engagements Schönenbergers bereiteten ihm keineswegs Angst. Kein anderer Sportchef der Super League sei seit derart langer Zeit im Fussballgeschäft tätig wie er selber, sagt Gerber, er kenne seinen neuen Trainer und dessen Qualitäten deshalb bestens. Wer weiss: Vielleicht ist die Spitzenklasse für den fordernden Schönenberger der bessere Arbeitsplatz als die Challenge League. Sein erster Vertrag mit einem Verein der höchsten Liga läuft bis Ende Juni 2006.


